Start-up-Förderung durch Städte und Gemeinden in NRW | Städte- und Gemeinderat

Dieser Beitrag erschien im Städte- und Gemeinderat.

Während sich Berlin bereits zum Magnet für Gründer/innen und Investor(inn)en entwickelt hat, können auch kleine Städte und Gemeinden ein Dorado für Start-up-Unternehmen werden

Viele kommunale Entscheidungsträger/innen in Nordrhein-Westfalen schauen mit Interesse nach Berlin. Innerhalb weniger Jahren hat sich die Hauptstadt zur boomenden Kapitale entwickelt. Ab 2015 will Berlin sogar ohne neue Schulden auskommen. Ein Grund für den Aufschwung: die pulsierende Gründerszene der Stadt. Alle zwanzig Stunden wird in Berlin ein neues Unternehmen gegründet. Mit 136 Millionen Euro gingen im vergangenen Jahr rund 54 Prozent aller Wagniskapital-Finanzierungen in Deutschland für IT-Start-ups an die Spree.

In Nordrhein-Westfalen stellt sich die Situation anders dar. Die 396 Städte und Gemeinden tragen eine Schuldenlast von 57 Mrd. Euro. Die hiesigen Start-ups leisten hierbei keine unmittelbare Abhilfe. Dem IT-Verband BITKOM zufolge sank 2013 das in Nordrhein-Westfalen investierte Kapital für IT-Startups im Vergleich zum Vorjahr um 0,4 auf 12,5 Mio. Euro – lediglich Platz vier bundesweit.

Wichtigster Start-up-Standort in NRW ist Köln, gefolgt von Bonn, das immer noch vom High-Tech-Gründerfonds profitiert. Weitere Städte in NRW sind aus Start-up-Sicht kaum attraktiv. Für den Arbeitsmarkt ist das eine schlechte Nachricht. Studien wie die der Kauffmann-Foundation zeigen, dass vor allem junge Unternehmen die meisten neuen Arbeitsplätze in einer Volkswirtschaft schaffen. Entrepreneure befeuern den Arbeitsmarkt.

Allzu oft glauben Fachleute in kleinen Städten und Gemeinden, dass Start-up-Förderung Metropolen wie London, New York oder Berlin vorbehalten sei. Dass auch Kommunen zwischen 50.000 und 200.000 Einwohnern über gezielte Maßnahmen nationale Startup-Zentren werden können, ist wenig bekannt.

In NRW verfolgt das Land bereits eine Reihe von Ansätzen zur Start-up-Förderung, die auch kleine Städte und Gemeinden umfassen – etwa das Startercenter NRW mit Regionalstellen in Detmold, Aachen oder dem Kreis Soest sowie unterschiedliche Förderinstrumente der NRW.Bank. Zu einem Durchbruch bei  Unternehmensgründungen haben diese Initiativen aber nicht geführt. Sucht man nach geeigneten Beispielen, lohnt der Blick in die USA. Längst haben sich dort neben dem Silicon Valley und New York auch eine Vielzahl kleiner Städte und Gemeinden als Start-up-Zentrum profiliert.

Fünf der zwanzig bedeutendsten Start-up-Kommunen in den USA haben laut eines Kauffmann-Foundation-Rankings nicht mehr als 200.000 Einwohner – hier einige Beispiele:

Bethesda (Maryland): Die kleinste Stadt unter den Top 20 ist Bethesda, 60.000 Einwohner, Platz 9 landesweit. Die Kleinstadt hat sich als Dreh- und Angelpunkt für Start-ups zwischen IT und Medtech etabliert. Ein bekanntes und erfolgreiches Jungunternehmen ist MyOwnMed – Entwickler einer App, über die Patient(inn)en und Ärzte/Ärztinnen auch zwischen Terminen eng in Kontakt bleiben.

Wilmington (Delaware): Die zweitkleinste Stadt unter den Top 20 ist Wilmington, 70.000 Einwohner, Platz 12 im Ranking. Die Stadt hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahre zu einem Hotspot für Pharma und Life Science-Start-ups entwickelt. Eines der erfolgreichsten jungen Unternehmen ist die Pharma-Firma Incyte, die neue Methoden zur Behandlung von Leukämie entwickelt.

Cambridge (Massachusetts): Die bekannteste Kleinstadt im Ranking ist Cambridge, Platz 2 gleich hinter Silicon Valley. Die 105.000-Einwohner-Stadt, Heimat der Harvard University und des Massachusetts Institute for Technology (MIT), hat schon bekannte IT-Unternehmen wie Trip Advisor, Dropbox oder das Schnelllesetechnik-Start-up Spritz hervorgebracht.

Diese Beispiele zeigen, dass eine bestimmte Einwohnerzahl keine Grundvoraussetzung ist, um nationaler Start-up-Brennpunkt zu werden. Was ist dann entscheidend?

In der McKinsey-Studie „Berlin gründet“ wurden 2013 fünf Erfolgsfaktoren für Start-up-Standorte identifiziert: Talente, Kapital, Infrastruktur, Vernetzung und Außendarstellung. Bei diesen Faktoren besitzen die genannten US-Kleinstädte oft natürliche Stärken, die sie dann gezielt weiter ausgebaut haben:

Talente: Diese sind Startpunkt für jeden Start-up-Hub. Ein natürlicher Vorteil, den viele hoch eingestufte Kommunen mitbringen, ist die Nähe zu Talenten an exzellenten Universitäten. Bethesda profitiert von der Nähe zur Johns Hopkins University. Den größten Vorteil hat allerdings Cambridge mit Harvard und MIT direkt vor der Haustür. Diesen Vorteil baut die Stadt gezielt aus – etwa über Start-up-Mentoring-Programme am Technology und Entrepreneurship Center (TECH) Harvard.

Kapital: Talente benötigen Wagniskapital, um Ideen zu testen und zu wachsen. Dank unterschiedlicher Crowdfunding-Plattformen ist es heute einfacher denn je, sich die nächste Geldspritze zu besorgen. Aber auch Kommunen können helfen. Wilmington etwa hat über eine vorteilhafte Steuer- und Kreditkartengesetzgebung die größten Banken des Landes in die Stadt geholt und vermittelt Start-ups bei Bedarf rasch den nötigen Kontakt. Diese Gesetzgebung hat dem Ort allerdings auch den Vorwurf eingebracht hat, nur eine Steueroase zu sein.

Infrastruktur: Wer gerade ein neues Unternehmen gründet, kann nicht die Mieten von München oder New York zahlen. Einen Vorteil, den kleine Städte und Gemeinden gegenüber Start-up-Metropolen besitzen, sind günstige Mietpreise. Diesen Vorteil bauen einige der Städte wiederum gezielt aus. Wilmington bietet etwa über sein Center for Innovation and Entrepreneurship (CIE) einen so genannten Co-Working-Space für Start-ups zum Nulltarif.

Netzwerke: Wer neue Mitarbeiter/innen, neues Kapital oder ein neues Büro sucht, ist auf hervorragende Netzwerke angewiesen. Eine häufige Gemeinsamkeit von Start-up-Zentren ist die Nähe zu Großstädten, die genau diesen Austausch ermöglichen. Cambridge etwa liegt direkt neben Boston, Bethesda zwischen Washington und Baltimore.

Auch diesen natürlichen Netzwerkvorteil können kommunale Entscheidungsträger/innen gezielt ausbauen. Bethesda etwa sucht regelmäßig den Austausch mit Nachbarstädten und bringt so gezielt unterschiedliche Netzwerk-Events für Startups wie TechBuzz oder den Startup Maryland Bus in die Stadt. Teilweise werden die Events über die öffentliche Hand mitfinanziert.

Außendarstellung: Wichtig für Jung-Unternehmer/innen ist die Atmosphäre einer Stadt. Fort Lauderdale etwa wird das „Venedig Amerikas“ genannt. Die Stadt und das Umland zählen nicht nur über 4.000 Restaurants, sondern auch mehr als 120 Nachtclubs – Vorzüge, die junge Entrepreneurinnen ohne Frage anziehen. Die politischen Entscheidungsträger/innen in Fort Lauderdale achten genau darauf, ihre Stadt lebenswert und modern zu halten. So hat die Stadt kürzlich die Social-
Media-Seite NextDoor eingerichtet – eine Art Facebook für Nachbarschaften, über das sich Gleichgesinnte noch einfacher vernetzen können.

Worin besteht das Fazit für NRW? Kommunale Entscheidungsträger/innen in NRW, die Start-ups fördern wollen, sollten sich zunächst fragen: Was zeichnet uns aus Start-up-Sicht aus? Auf eine umfassende Standort-Analyse folgt dann das Formulieren von Initiativen, um diese Stärken weiter auszubauen.

Nordrhein-Westfalen ist ein Bundesland mit großem Potenzial – auch für Start-ups. In der 2013 veröffentlichten McKinsey-Studie „NRW 2020“ wurde aufgezeigt, dass hier in den kommenden sechs Jahren durch gezielte Industrie-Initiativen insbesondere zu Kreislaufwirtschaft, Logistik, Handel und Pflege mehr als 310.000 neue Arbeitsplätze entstehen können.

Eine wichtige Schlussfolgerung aus der Studie für die öffentliche Hand lautet dabei: Wirtschaftsförderung stärker fokussieren. Die bessere Ausrichtung auf Jungunternehmer/innen ist ein Schlüssel zur wirtschaftlichen Dynamisierung des Standorts. Wie die Beispiele aus den USA zeigen, kann diese Dynamisierung über junge Unternehmen durch kommunale Entscheidungsträger/innen vor Ort initiiert werden. Wer auf Start-ups setzt und passgenaue Maßnahmen erarbeitet, um solche Unternehmen zu fördern, schafft so vielleicht die nächste Start-up-Boomtown – mitten in NRW.

Die Autoren 

Katrin Suder leitet die deutsche Public-Sector-Practice von McKinsey & Company

Jürgen Schröder leitet das Düsseldorfer Büro von McKinsey & Company

Julian Kirchherr arbeitet als Unternehmensberater bei McKinsey & Company

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