Singapur: Akademiker, mehret euch! | ZEIT ONLINE

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit ZEIT ONLINE.

Singapur will Studenten mit einer Kampagne zur Familiengründung animieren. Doch junge Singapurer haben andere Sorgen.

Über Facebook stieß Melissa Low auf einen neuen Versuch, Singapurs Geburtenrate zu steigern: In einer singapurischen Version von Schneewittchenwird die Königstochter als die „Reichste im ganzen Land“ porträtiert, weil sie sieben Kinder zur Welt gebracht hat. Gleich daneben wird in einem Pop-up-Fenster erklärt: „Spermien überleben in Ihrer Vagina bis zu vier Tage. Zweiwöchentlicher Geschlechtsverkehr maximiert also Ihre Empfängnischancen.“

„So ein Müll ist selten“, sagt die Studentin. Die Schneewittchen-Geschichte ist Teil der Singaporean Fairytales – Märchengeschichten aus Singapur. Angeblich initiiert von vier Studenten der Singapurer Nanyang Technological University (NTU) bewirbt die Kampagne mit 15 Fabeln provokativ den Wert von Familie und Kindern.

In einer weiteren Märchengeschichte wird eine blonde Fee als übergewichtige Mittvierzigern karikiert, die ihre zehn Katzen Babys nennt. Darunter prangt der Hinweis, künstliche Befruchtung funktioniere oft nicht. Wer Kinder wolle, dürfe also nicht zu lange warten.

Zielgruppe der Initiative sind 21- bis 30-jährige Singapurer, die nicht nur online, sondern auch über Flyer an Universitäten angesprochen werden. „Das hat sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer verbreitet“, sagt die junge Frau. „Meine Freunde haben sich furchtbar aufgeregt.“

Doch wer die Kampagne wirklich initiiert hat, ist schwer herauszufinden. Die angeblichen studentischen Macher wollen über die Initiative nicht mehr sprechen. Das Kontaktformular auf der Website ist deaktiviert, die Facebook-Seite ist offline.

Internationale Medien unterstellten zuletzt, die Kampagne sei von der singapurischen Regierung veranlasst worden. Aus dem singapurischen Familienministerium heißt es auf Anfrage, die Singaporean Fairytales seien keine nationale Kampagne. Finanziert werde die Initiative zu großen Teilen vomNationalen Familienrat, einem Zusammenschluss von Organisationen aus dem dritten Sektor.

Eine Anfrage beim Familienrat bleibt unbeantwortet. Schließlich übermittelt das Familienministerium eine Stellungnahme des Rats: „Zielsetzung dieser studentischen Kampagne ist es, den Wert von Familie zu unterstreichen“, schreibt das Gremium knapp.

Studenten mit unkonventionellen Kampagnen zur Familiengründung zu überreden, hat in Singapur Tradition. Schlagzeilen machte Staatsgründer Lee Kuan Yew zuletzt etwa, als er bei einem Vortrag an der NTU eine 27-jährige Doktorandin attackierte. Anstatt ihre Frage  zu beantworten, horchte er sie zu ihrem Beziehungsstatus aus. „Ich wünsche Ihnen nicht nur viel Glück für Ihre Dissertation, sondern vor allen Dingen, dass Sie schnell einen Partner finden„, sagte er ihr vor 1.700 Kommilitonen.

Seit 1983 bemüht sich Singapur systematisch um steigende Geburtenraten und mehr Heiraten, insbesondere zwischen Hochschulabsolventen. Eigens dazu gründete die Regierung damals die Social Development Unit (SDU), eine staatliche Dating-Agentur für die akademische Elite des Landes.

„Die Männer in unserem Land sind dämlich, dass sie oft Frauen heiraten, die weniger klug sind als sie selbst“, warnte Lee Kuan Yew zu jener Zeit. Weil Intelligenz in großen Teilen erblich sei, fürchtete er schon vor 30 Jahren eine „Verdünnung des genetischen Pools Singapurs“. Ähnliche Sorgen treiben auch heute die Macher der aktuellen Kampagne an, mutmaßt die Bloggerin Tracie Egan Morrissey.

Regierungspriorität Dating

Für die Regierung in Singapur ist Dating ein Thema mit höchster Priorität. Die SDU firmiert mittlerweile unter dem Namen Social Development Network (SDN) und richtet sich an alle Singles in Singapur. Sogar ein Dating-Handbuch hat die staatliche Singlebörse veröffentlicht. Tausende haben dem SDN zufolge so einen Partner gefunden.

Trotz dieser Bemühungen gibt es in Singapur immer mehr Singles. 79 Prozent der Männer zwischen 25 und 29 Jahren leben der Regierung zufolge momentan nicht in einer festen Partnerschaft. Bei Frauen liegt der Wert bei rund 64 Prozent. Vor zehn Jahren waren es noch 15 Prozentpunkte weniger.

Als Folge der Singlekultur ist die Geburtenrate Singapurs mittlerweile auf 1,2 gesunken. Ein Wert von 2,1 wäre notwendig, um die Bevölkerung konstant zu halten. Die Regierung fürchtet, dass das Land ab 2025 schrumpft.

Gleichzeitig werden Singapurer immer älter. Die Lebenserwartung liegt mittlerweile bei rund 82 Jahren. Singapurs Sozialstaat bis heute wenig entwickelt, nun muss dieser Wandel in der Altersstruktur finanziert werden, insbesondere die zusätzlichen Renten- und Gesundheitskosten. 2030 kommen Prognosen der Regierung zufolge auf jeden Singapurer über 65 Jahren nur zwei Singapurer unter 65 Jahren. Noch liegt das Verhältnis bei sechs zu eins.

Umgerechnet eine Milliarde Euro investiert die Regierung jedes Jahr in Maßnahmen, die die Bevölkerungspyramide stabilisieren sollen – von Sensibilisierungskampagnen über  Steuervorteile für Familien mit Kindern bis hin zur Übernahme eines Großteils der Kosten, die bei künstlicher Befruchtung entstehen.

Verhindert Arbeitsüberlastung Kinderkriegen?

Doch der Nutzen dieser Maßnahmen ist umstritten. Studentin Meera Jethmal etwa findet, das Geld werde falsch ausgegeben. „Die Regierung sollte endlich an die Wurzeln des Problems gehen und auf die Bevölkerung hören“, sagt sie. Der eigentliche Grund für die niedrigen Geburtenraten sei die schlechte Work-Life-Balance in Singapur.

„Wenn wir nicht bis spät in die Nacht und oft auch am Wochenende arbeiten müssten, hätten wir auch mehr Zeit, um jemanden kennenzulernen“, sagt sie. Schon Studenten verbrächten jeden Tag von früh bis spät nur mit Lernen. „Der Druck ist gewaltig.“

Jethmals Kommilitonin Low sieht das anders. Sie mag das geschäftige Leben. Neben ihrem Studium arbeitet sie bereits bei einem Forschungsinstitut und leitet außerdem einen Bücherverein. Einen Freund hat sie nicht.

„Ehe und Familiengründung ist nicht für jedermann das Richtige“, sagt Low. „Deshalb hat sich die Regierung nicht einzumischen in den Lebensentwurf, den man verfolgt.“

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