Studiennoten: Uni in Singapur verschlechtert Noten ihrer Studenten | ZEIT ONLINE

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit ZEIT ONLINE.

Wenn ein Professor zu viele gute Noten vergibt, korrigiert sie eine Uni in Singapur automatisch nach unten. Die Begründung finden die Studenten wenig überzeugend.

Für ihre letzte Hausarbeit hat Victoria Sölle 88 von 100 Punkten erhalten – Note Eins. Aber richtig freuen kann sie sich nicht. „Die Durchschnittspunktzahl bei dieser Hausarbeit war auch eine 88“, sagt Sölle. Die Eins wird sie deshalb wohl nicht behalten.

Sölle studiert Staatswissenschaften an der National University of Singapore (NUS). Dort werden Noten seit einigen Jahren nach festen Quoten vergeben. Für jede Note wurde eine Normalverteilung errechnet, die eingehalten werden muss. Vergibt ein Professor zu viele gute Noten, korrigiert die Verwaltung sie automatisch nach unten. So kann es sein, dass man eine Eins beispielsweise erst bei 95 statt bei 88 Punkten bekommt, weil aus Sicht der Universität sonst zu viele Studenten eine Eins bekämen.

Wie viel gute Noten es pro Kurs geben darf, gibt die Universität nicht offiziell preis. Sölle weiß, dass in ihrem Kurs maximal ein Drittel der Studenten eine Eins erhalten dürfen. An manchen Fakultäten seien es noch weniger, sagt sie.

Die Studenten ärgern sich darüber. „Wenn jeder in einem Kurs viel leistet, hat auch jeder eine sehr gute Note verdient“, sagt Sölle. Die aktuelle Praxis erzeuge unnötigen Leistungsdruck. Auch Sölles Kommilitone Jan Seifert kritisiert die Notenquoten. Sie bürgen die Gefahr, dass Studenten einander bei Hausaufgaben oder Prüfungsvorbereitungen nicht unterstützen. „Die Studenten, die ich kenne, gehen zum Glück human miteinander um. Aber die Quotierung setzt auf jeden Fall Fehlanreize.“

Die Universität verteidigt die Praxis. „Wenn jeder eine ähnliche Note erhält, entwertet das doch die sämtliche Noten“, sagt der Professor Boyd Fuller. Über die Quotierung werde insbesondere für Arbeitgeber sichtbar, wie leistungsstark Studenten seien.

Wenn Professoren zu gut benoten, schwindet die Aussagekraft. Das wurde im November vergangenen Jahres auch in Deutschland bemängelt, als der Wissenschaftsrat, ein Beratergremium der Bundesregierung, in ihrem Bericht „Prüfungsnoten in Hochschulen“ eine Inflation guter Noten diagnostizierte. Insgesamt bestanden im Prüfungsjahr 2010  fast 80 Prozent der deutschen Studenten ihren Abschluss mit „gut“ oder „sehr gut“.

Einige forderten, Klausuren künftig nach dem Vier-Augen-Prinzip zu korrigieren. Andere, dass Dozenten, die oft gute Noten vergeben, diese künftig vor dem Dekan begründen sollten.

In Singapur vertraut man lieber auf strikte Regeln. Nicht nur, um die Aussagekraft zu gewährleisten, sondern auch, um die Leistung zu steigern. „Über die Knappheit an exzellenten Noten können wir sicherstellen, dass Studenten immer das Maximum geben“, sagt Fuller. „Prüfungen werden über die Quotierungen zu einer besonders wertvollen Lernmethode.“

Auf Vorwürfe von Studenten, die NUS übertreibe es mit ihrer Notenpolitik, verweist Fuller auf flexible Regelungen. In kleinen Klassen etwa dürften auch mehr als 30 Prozent der Studenten mit sehr guten Ergebnissen abschließen. Falls die Notenvergabe eines Professors nur geringfügig von der Normalverteilung abweiche, drücke die Verwaltung ebenfalls ein Auge zu. In Klassen, an denen besonders viele leistungsstarke Studenten teilnehmen, sei eine Abweichung von der Quotierung ebenfalls möglich. „Wir wollen bei der Notenvergabe so ehrlich und fair wie möglich sein.“

 

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