Online-Partnersuche: „Wer viel schreibt, zeigt, dass es nicht nur um Sex geht“ | ZEIT ONLINE

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit ZEIT ONLINE.

Die Nutzer von Online-Partnerbörsen werden immer jünger. Jeder Zweite unter 30 war schon mal bei einer angemeldet. Worin liegt der Reiz?

Wenn Jessica auf den Webseiten von Dating-Portalen surft, wecken besonders Profile mit langen Texten ihr Interesse. „Wer viel schreibt, zeigt, dass es nicht nur um Sex geht“, sagt sie.

Seit fast anderthalb Jahren datet die bisexuelle Psychologie-Studentin im Internet. Bei fünf Partnerbörsen unterhält sie ein Profil. Sie sucht nach Menschen, denen sie offline so schnell nicht begegnen würde. „Letztens hat mich zum Beispiel ein vegetarischer und polyamorer Psychologie-Student angeschrieben. Das ist doch spannend.“

Die 27-Jährige investiert viel Zeit ins Online-Dating. Wenn sie sich bei einem neuen Portal anmeldet, verbringt sie dort anfangs bis zu 20 Stunden pro Woche. „An den ersten Tagen melden sich die meisten Interessenten. Das ist intensiv, aber dann flacht es schnell ab“, sagt sie. Rund ein Dutzend Männer und Frauen hat Jessica mittlerweile offline getroffen.

Über 10.000 Mal ist ihr Profil auf einer großen Dating-Website schon aufgerufen worden. Doch nicht immer freut sich Jessica über die Anfragen. „Manchmal bieten mir Männer Geld für Sex“, sagt sie. Auch Penis-Fotos landen hin und wieder in ihren Posteingang.

Nicht nur wegen solcher Gruselgeschichten sind Online-Dating-Portale bei vielen immer noch verpönt. „Anfangs habe ich mich schon etwas für meine Profile dort geschämt“, sagt Jessica. Mittlerweile entdeckt sie aber immer mehr junge Erwachsene in den Partnerbörsen. Ihr Eindruck: „Wenige geben es zu, aber immer mehr machen es heutzutage.“

Laut einer Untersuchung des IT-Verbands Bitkom stimmt das. Jeder zweite unter 30 Jahren hat demnach schon Erfahrungen mit Online-Dating gemacht. Kein Wunder also, dass Dating-Portale mittlerweile nicht mehr nur geschiedene Akademiker Mitte 40 umwerben.

Die 18 bis 30-Jährigen sind zum Beispiel die Kernzielgruppe von Badoo, der weltweit am schnellsten wachsenden Singlebörse mit rund 170 Millionen Mitgliedern. „Studenten machen einen großen Teil unserer User aus“, sagt Pressesprecherin Louise Thompson. An junge Erwachsene richtet sich auch das Portal OkCupid.

Auch bei Facebook kann man inzwischen auf Partnersuche gehen. Seit einigen Monaten gibt es an vielen Universitäten „Spotted“-Seiten, eine Art Schwarze Bretter im Internet: Wer sich nicht traut, seinen Schwarm auf dem Campus anzusprechen, der hinterlässt anonym eine kleine Annonce auf der „Spotted“-Seite und hofft, dass der Schwarm sich meldet.

Sogar bei Dating-Börsen, die eigentlich Ältere ansprechen wollen, gibt es immer mehr junge User. „Wir beobachten gerade, dass der Anteil der 19- bis 25-Jährigen bei uns stark ansteigt“, sagt etwa Birgit Ströbel von FriendScout24.

Was zieht junge Erwachsene ins Online-Dating? „Junge Leute wollen heutzutage unbedingt wieder eine Beziehung“, sagt der Hochschulforscher Tino Bargel. Ein Drittel der Studierenden geben laut seinen Untersuchungen an, dass das Fehlen einer Partnerschaft sie stark belaste.

Das Internet ist das natürliche Werkzeug, um diesen Wunsch nach Nähe zu erfüllen. „Das Internet verbindet die Studenten wie keine andere Technologie“, sagt Bargel. Jeder zweite deutsche Internetnutzer unter 30 Jahren ist mehr als 140 Minuten pro Tag online.

Psychologie-Studentin Jessica nutzt auch die mobilen Apps ihrer Dating-Seiten. „Aber das kann auch unheimlich werden“, sagt sie. Bei mobilen Anwendungen werden Nutzer angezeigt, die in der Nähe unterwegs sind. „In Berlin hatte ich einmal über eine solche App mit einem Kerl in der Nähe Kontakt“, sagt Jessica. „Als ich später mit einigen Freunden draußen vor einem Restaurant saß, schaute ich auf mein Handy, und er war plötzlich nur noch 500 Meter entfernt. Zehn Minuten später sogar weniger als 300 Meter. Da habe ich die App schnell ausgeschaltet.“

Im letzten Herbst schien es schließlich, als habe sich das lange Suchen gelohnt. Mehrere Wochen traf sie sich mit einem jungen Mann, den sie in einer Online-Partnerbörse kennengelernt hatte. „Wir haben uns anfangs gut verstanden, er war interessant, aber er hat mich kaum wertgeschätzt“, sagt Jessica. „Er hat sich immer nur gemeldet, wenn er gerade down war.“

„Ich habe das dann beendet.“ Schließlich hat sie Kontakt zu vielen Männern, die gerne mit ihr ausgehen wollen. Online wie offline.

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