Die Uni für Gehaltsmaximierer | ZEIT ONLINE

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Zeit Online.

Studienwahl nach Einstiegsgehalt: Eine Londoner Hochschule veröffentlicht auf ihren Websites, was ihre Absolventen verdienen. Wie marktkonform dürfen Universitäten sein?

Über 30.000 Euro investiert Maximilian in sein Master-Studium. Der 24-jährige Europarechtler hat seinen Bachelor in Maastricht absolviert. Seit vergangenem Herbst studiert er nun Staatswissenschaften an der London School of Economics (LSE). Das teure Studium finanziert Maximilian nicht über Stipendien oder einen reichen Onkel, sondern in erster Linie aus eigener Tasche.

„Ich investiere natürlich wirklich viel Geld in meine Ausbildung“, sagt Maximilian. „Aber ich weiß genau, dass das Geld gut angelegt ist.“ Bevor er sich für ein Studium an der LSE entschieden hat, klickte sich Maximilian durch die Websites der LSE. Dort schlüsselt die Universität detailliert auf, mit welchem durchschnittlichen Einstiegsgehalt Absolventen je nach Fachrichtung rechnen können – und auch, bei welchen Organisationen Alumni später unterkommen.

Dass viele Absolventen seines Studiengangs heute bei Goldman Sachs, McKinsey oder der Weltbank arbeiten, hat Maximilian Selbstbewusstsein gegeben. „Ich wusste so viel besser, auf was ich mich einlasse und konnte die Risiken genauer abschätzen.“ Nach seinem Abschluss will er am liebsten in die Unternehmensberatung. „Für mich zählen klar die späteren Verdienstmöglichkeiten.“

Die Uni prahlt mit den Einstiegsgehältern ihrer Absolventen

Spätere Verdienstmöglichkeiten sind auch Maximilians Kommilitone Daniel Reese wichtig. Aber sein Master-Studium in Management hat der 25-Jährige in erster Linie aus fachlichem Interesse aufgenommen. „Ich interessiere mich besonders für Innovationsmanagement und Entrepreneurship“, sagt er. Dass die LSE auf ihren Websites mit den Einstiegsgehältern ihrer Absolventen prahlt – „15.000 Euro über dem nationalen Schnitt“ –, findet er „unwürdig“.

„Eine Universität, die sich 16 Nobelpreise auf die Fahnen schreiben kann, sollte es nicht nötig haben, Studenten mit späteren Einstiegsgehältern zu ködern“, sagt Daniel. „Aber leider spricht solche Werbung die meisten Studenten hier total an.“ Welches durchschnittliche Einstiegsgehalt ihn mit seinem Master erwarte, habe er sich nicht angeschaut, sagt Daniel. „Mir geht es um spannende Aufgabenstellungen.“

Jede Universität in Großbritannien muss jährlich nachhalten, in welche Branchen Absolventen nach dem Studienabschluss gehen und wie schnell die ehemaligen Studenten einen Job finden. Das schreibt die Higher Education Statistics Agency (HESA) vor, eine Art statistisches Bundesamt für Hochschuldaten. Dass ein Studium immer auch für den Beruf befähigen soll, ist eine fest verankerte Vorstellung im anglo-amerikanischen Bildungssystem. Eine detaillierte Veröffentlichung der Einstiegsgehälter allerdings wagen nur wenige Universitäten.

Warum gibt die LSE diese Zahlen preis? „Das ist für uns eine Frage der Transparenz und Fairness“, sagt Professor Patrick Dunleavy, eines der Urgesteine der LSE. Seit über dreißig Jahren forscht und unterrichtet der Politikwissenschaftler in London. „Betrachten Sie das so: Unsere Studiengänge sind teuer. Natürlich müssen wir unseren Studenten dann auch sagen, was wir über die Karrieren unserer Absolventen wissen. Nur so kann jeder Bewerber einschätzen, ob ein Studium bei uns für ihn sinnvoll ist. Wir wollen Entscheidungen auf Basis von Fakten ermöglichen.“

Dunleavy hat schon viele Studiengänge an der LSE entwickelt und aufgebaut. Dass die Programme der Universität entlang der Wünsche von Arbeitgebern entworfen werden, streitet er entschieden ab. „Wir sind eine wissenschaftliche Einrichtung, eine staatliche Institution. Wir wollen Studenten umfassend und bestmöglich bilden. Das Anbiedern beim Arbeitgeber überlassen wir den Business Schools.“

Dunleavy glaubt auch nicht, dass durch die Veröffentlichung solcher Zahlen Bewerber in Fächer mit besseren Einkommensmöglichkeiten getrieben werden. „Ich bin immer wieder begeistert, dass unsere Studenten bei der Wahl ihres Fachs in erster Linie ihren Leidenschaften folgen“, sagt Dunleavy. „Studiengänge wie Internationale Beziehungen ziehen jedes Jahr Hunderte Bewerber an, obwohl wir ganz klar kommunizieren, dass die Jobaussichten mit einem solchen Abschluss ziemlich miserabel sind.“

Statistiker bekommen 70.000 Euro, Geschlechterforscher die Hälfte

Genau deshalb denkt Dunleavy auch nicht, dass das Veröffentlichen solcher Zahlen die Atmosphäre an der LSE belastet. „Unsere Studenten denken nicht den ganzen Tag an ihr späteres Einstiegsgehalt. Das steht hier nicht im Mittelpunkt.“ Student Daniel sieht das etwas kritischer. „Die Mehrheit der Studenten ist schon sehr fokussiert und ehrgeizig“, sagt er diplomatisch.

Wer die LSE mit einem Master in Statistik verlässt, kann nach Angaben der Universität mit einem Einstiegsgehalt von mehr als 70.000 Euro rechnen. Ein Abschluss in Gender Studies bringt auf dem Arbeitsmarkt immerhin noch knapp 35.000 Euro ein.

Wie Absolventendaten in Großbritannien erhoben werden, ist von der HESA genau geregelt: Sechs Monate nach ihrem Abschluss werden sämtliche Alumni von den Career Centers ihrer Universitäten zunächst per E-Mail an ihre lebenslange Universitäts-E-Mail-Adresse kontaktiert und um Auskunft gebeten. Wer nicht antwortet, erhält die Umfrage dann per Post. Falls der Absolvent auch auf diesen Kontaktversuch nicht reagiert, meldet sich das Career Center telefonisch. So viel Hartnäckigkeit soll eine hohe Rücklaufquote und damit die Verlässlichkeit der erhobenen Daten sichern.

Maximilian ist von der Verlässlichkeit der Zahlen überzeugt. „Gerade in der Wissenschaft ist Glaubwürdigkeit doch grundentscheidend. Die LSE kann es sich gar nicht leisten, falsche Zahlen zu veröffentlichen.“ Professor Patrick Dunleavy bremst etwas: „Es gibt immer eine gewisse Fehlertoleranz.“ Aber ein durchschnittliches Einstiegsgehalt mit einer möglichen Abweichung nach oben oder unten zu veröffentlichen sei immer noch aussagekräftiger als gar keine Zahlen zu veröffentlichen. „Die Daten vermitteln wichtige und verlässliche Informationen.“

Auch in Deutschland sammeln einige Universitäten, etwa die Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Informationen über die Karriere und die Einstiegsgehälter ihrer Absolventen. Prominent veröffentlicht werden diese Zahlen aber nur selten. Regelungen für das Veröffentlichen von Absolventendaten gibt es in Deutschland nicht. Nur bei der Reakkreditierung von Studiengängen müssen solche Zahlen zwingend erhoben werden.

Für die Professorin Annette Zimmer, die in Münster einige Jahre lang das Institut für Politikwissenschaften geleitet hat, liegen die Gründe für diese Zurückhaltung auf der Hand: „In Deutschland gibt es bis heute noch keine richtige Alumni-Kultur.“ Heißt: Das Blickfeld der Universität reicht von der Immatrikulation bis zur Abschlussfeier. Während dieser Zeit soll eine solide Bildung vermittelt werden. Was dann kommt, liegt in der Verantwortung des Absolventen.

Wettbewerb um das höchste Einstiegsgehalt

Das zeigt sich auch in den Rücklaufquoten von Alumni-Befragungen: Auf eine der letzten Umfragen von Zimmers Institut antworteten nur weniger als fünf Prozent der Absolventen. Bei vielen Alumni fehlten schlichtweg die Kontaktdaten, denn anders als in Großbritannien erhalten Studenten in Deutschland zumeist keine eine lebenslange E-Mail-Adresse ihrer Universität, über die sie sich einfach kontaktieren ließen.

Student Maximilian würde sich auch in Deutschland mehr Informationen zum Verbleib von Absolventen wünschen: „Würden alle deutschen Universitäten die Einstiegsgehälter ihrer Alumni herausgeben, würde das den Wettbewerb untereinander anheizen. Schließlich will dann jede Universität mit den Karrieren ihrer Absolventen punkten.“ Das könne der Hochschullandschaft insgesamt nur nützen.

Daniel ist froh, dass mit Ausnahme einiger privater Universitäten kaum eine deutsche Universität solche Zahlen systematisch herausgibt. Ein „Wettbewerb um den marktkonformsten Studiengang“ klingt für ihn wie ein Alptraum.

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