Die Berufsjugendlichen | jung + liberal

Politische Jugendorganisationen ermöglichen ein vorsichtiges Herantasten an die Politik. In ihnen wird der politische Nachwuchs ausgebildet. Aber sie schaffen auch Mitglieder, die den Absprung verpassen. Das ist ein Problem.

Tabu gefällig?

Über das Alter und zur Studiendauer stellt man bei den JuLis lieber keine Fragen. Denn der Vorwurf lautet schnell: Friendly fire. „Was geht Dich das an, wie lange ich schon studiere? Das hier ist mein Leben!“ Oder: „Findest Du etwa, ich bin zu alt? Willst Du sagen, ich mache schlechte Arbeit? Du willst doch nur meinen Posten!“

Die JuLis machen süchtig. Wir kennen das alle. Ein Wochenende mit den JuLis macht mehr Spaß als die Vorbereitung auf die nächste Klausur. Und die Kreisvorstandssitzung am Dienstagabend ist interessanter als den Großvater zu besuchen. Wer sich stark bei uns einbringt, vernachlässigt ab und zu andere Bereiche seines Lebens. Das kann passieren. Und plötzlich ist man älter, als man sich fühlt.

Je jünger, desto unbedarfter, desto besser!

Zum Glück gilt bei uns Liberalen: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Und wer in seinem Lebensentwurf elf Semester statt sechs Semester für das Bachelor-Studium einplant, der kann das tun. Keine schiefen
Blicke. Why not? Niemand muss mit 32 Jahren sein erstes Haus bauen oder heiraten. Du bist der Architekt Deines Lebens. Es ist Deine Entscheidung!

Aber: Das Sechzehn-Semester-Studium wird im Schnitt immer seltener und die Heirat wird bald wieder früher erfolgen. Wer heute 18 Jahre alt ist, macht gerade sein Abitur. Wer heute 21 Jahre alt ist, hat seinen Bachelor-Abschluss in der Tasche. Und mit 23 Jahren geht es ins Berufsleben. Zumeist gilt: Das Berufsleben markiert den Eintritt ins Leben eines Erwachsenen. Der Zeitraum der Jugendlichkeit wird kürzer.

Wann endet die Jugend?

Wir nennen uns Jugendorganisation. Aber wann endet die Jugend? Wann beginnt das Erwachsenensein? Gibt es für uns Liberale eine klare Abgrenzung? Erst wer das 35. Lebensjahr vollendet hat, scheidet laut Satzung bei uns aus. Aber ist ein 35-Jähriger tatsächlich noch ein glaubwürdiges Sprachrohr für eine 14-Jährige? Hat ein 27-Jähriger, der gerade seinen zweiten Job angetreten hat, die gleichen Probleme wie eine 17-Jährige, die gerade ihr erstes Mal hatte? Wie groß sind die Schnittmengen tatsächlich?

Auf Interessenten und Außenstehende wirkt es komisch, wenn bei einem Stammtisch der Jungen Liberalen die Über-Dreißig-Jährigen die Mehrheit stellen. Und gegenüber der Lokalpresse ist es schwierig zu kommunizieren, wenn bei einer Kampfkandidatur um den Stadtverbandsvorsitz der
29-Jährige die 19-Jährige schlägt, um im nächsten Amtsjahr dann das „Sprachrohr für die Jugend“ zu sein. Muss das sein?

Wir müssen die FDP in den Wahnsinn treiben!

Der Absprung von den JuLis fällt immer schwer. Die JuLis sind Heimat und Familie. Manchmal sind sie das Ticket in die FDP und verschaffen dort Gehör. Und ab und zu sind sie auch eine willkommene Ausrede, um den Sprungs ins kalte Wasser des Berufslebens noch zwei Semester hinauszuzögern. Aber je älter unsere Mitglieder in Ämtern und Mandaten sind, desto schwieriger ist es, neuen Nachwuchs zu gewinnen: Für den 17-Jährigen ist es normal, einen 31-Jährigen zu siezen. Und je später unsere Mitglieder, gerade in leitenden Funktionen, den Absprung von den JuLis wagen, desto mehr machen sie ihre Mitgliedschaft von der Berufung zum Beruf.

Ist das legitim?

Natürlich hat es Vorteile, wenn ältere Mitglieder eine wichtige Rolle in unserer Jugendorganisation spielen. Unser großer Einfluss in die FDP wäre wahrscheinlich geringer, wenn jede Laufbahn
bei den Jungen Liberalen nur noch kurze Zeit andauern würde. Personelle Beständigkeit sichert Macht. Außerdem bringen unsere älteren Mitglieder mehr Erfahrung mit und sichern so unsere Professionalität. Aber müssen wir JuLis wirklich so einflussreich und professionell sein?

Ein Plädoyer für Unprofessionalität!

Für mich ist klar: Die JuLis müssen nicht professionell sein. Im Idealfall sind wir ein Politiklabor, das Chaos verbreiten darf und muss. Im Idealfall sind wir unberechenbar und experimentieren mit neuen Ideen und Verfahren. Und ich glaube, wir würden uns gerade über diese Unberechenbarkeit
Einfluss sichern und Gehör verschaffen. Die Jungen sind immer die Wilden. Ich glaube, eine jüngere Organisation wäre nicht nur reizvoller für Interessenten, sondern könnte uns JuLis noch mehr Feuer verleihen.

Unsere Aufgabe ist es, über die Zukunft zu philosophieren und die FDP in den Wahnsinn zu treiben. Wir sind der Stachel im Fleisch unserer Mutterpartei. Diese Aufgabe dürfen wir nicht Wolfgang Kubicki überlassen. Die JuLis müssen vorpreschen, und nicht abwarten.

Passives Wahlrecht bis zum 26. Lebensjahr

Eine Maßnahme, um unsere Organisation jünger zu machen, wäre, das passive Wahlrecht jedes Mitglieds mit dem 26. Lebensjahr enden zu lassen. Denn grundsätzlich gilt: Je jünger, desto unbedarfter, desto besser für eine politische Jugendorganisation. Das aktive Wahlrecht
könnte bis zum 35. Lebensjahr erhalten bleiben.

Natürlich sind wir JuLis eine junge Organisation verglichen mit den Jusos oder der Jungen Union. Lasse Becker ist zum Glück nicht Philipp Mißfelder und hat auch nichts mit ihm gemeinsam. Philipp Mißfelder ist 32 Jahre alt, verheiratet, Vater einer Tochter, und sieht außerdem aus wie ein 42-Jähriger. Bei einer Umfrage würde er ohne Probleme zum uncoolsten Jungpolitiker Deutschlands gewählt werden. Lasse Becker steckt ihn locker in die Tasche.

Wie groß sind die Schnittmengen?

Aber: Mit Bachelor-Studiengängen und Master-Abschlüssen ist der Zeitraum der Jugend kürzer geworden. Jeder Auszubildende, jede Studentin und jeder Schüler läuft uns davon, wenn der JuLi-Kreisvorsitzende 32 Jahre alt ist und der Beisitzer im Ortsvorstand gerade seinen 29. Geburtstag gefeiert hat. Eine jüngere Organisation macht uns sexy und außerdem zu einer echten Ideenwerkstatt. Deshalb ist eine Diskussion in unserem Verband über das Maximalalter für Ämter und Mitglieder in meinen Augen überfällig.

Aus jung + liberal 02/2012: http://goo.gl/Ct8VU

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4 Responses to Die Berufsjugendlichen | jung + liberal

  1. Richard sagt:

    Sehr gute Idee. Würden wir das schrittweise über 2-3 Jahre gestreckt einführen, wäre ich bei einem Satzungsänderungsantrag dabei!

  2. Fid sagt:

    Sehr guter Beitrag, der durchaus nicht nur auf die JuLis, sondern vielmehr auf alle (politischen) Jugendorganisationen zutrifft. Deine Ausführungen zu Mißfelder find ich persönlich jetzt eher weniger zutreffend – aber das war ja klar 😉

    Es ist ohnehin schwierig, Jugendliche dauerhaft für politisches Engagement zu gewinnen… Wir beide kennen das gut genug aus Werl! Ich erinnere mich da an einen Leserbrief von dir mit dem Titel „Unverschämte Selbstbeweiräucherung (…)“ – Hierzu sei nur gesagt: Wir haben es zumindest geschafft, dauerhaft und auch noch immer aktiv zu sein. Haken an der Sache: Die langjährigen und aktiven Mitglieder haben Schwierigkeiten damit, einzelne (sehr) junge aber interessierte Neumitglieder einzubinden. Dies ist ein großes Problem, dass nicht von der Hand zu weisen ist.
    Auf der anderen Seite ist es aber eben schwierig, junge Menschen (die nicht Macht- oder Karrieregeil sind und zudem etwas auf dem Kasten haben) dauerhaft für Politik zu gewinnen – dies kann nur gelingen, wenn man aktiv ist. Aktiv aber kann man nur mit Mitgliedern sein – Daher ist mit ein 32 jähriger Vorsitzenden in einem Stadt-/Gemeindeverband, der aktiv arbeitet und versucht, junge Menschen zu gewinnen lieber, als einer, der mit 25 aufhört und sagt: Ich bin nun zu alt, irgendwann kommen andere von selber.

    Wie siehts du das/Wie seht ihr das? Freue mich, wenn man darüber etwas diskutieren könnte.

  3. Hallo Jonas,

    danke für Deinen Kommentar. Ja, hatte mir schon gedacht, dass zumindest der Mißfelder-Abschnitt nicht unbedingt auf Deine Zustimmung trifft … 😉 …

    Du sprichst einen wichtigen Punkt an: Lieber einen ‚alten‘ Vorsitzenden als gar keinen Vorsitzenden bei pol. Jugendorganisationen. Absolut! Gerade in Kleinstädten wie Werl kann man schnell vor einer solchen Alternative stehen.

    Nichtsdestotrotz glaube ich, dass die Suche vieler ‚alter‘ Vorsitzender nach ‚jüngerem‘ Nachwuchs an vielen Stellen noch intensiviert werden kann. Der ein oder andere scheint seinen Posten doch so lieb gewonnen zu haben, dass es ihm gar nicht wehtut, wenn kein Nachfolger in Sicht ist.

    Viele Grüße!
    Julian

  4. Martin Möller sagt:

    Hier mal die Meinung völlig aus dem blauen heraus. Ich hoffe, dass mir das Einmischen hier nicht übel genommen wird aber Facebook sei Dank bin ich gerade auf diesen Artikel gestoßen und konnte dann doch nicht widerstehen.

    Als ich aus der Schule kam wollte ich mich engagieren. Ich war jahrelang Klassensprecher, Schulsprecher et cetera gewesen und die Möglichkeit etwas mit zu gestalten war mir wichtig und nur rumsitzen zu langweilig (insbesondere während des damals noch existenten Zivildienstes). Was mich davon abgebracht hat einer Jugendorganisation von egal welcher Partei beizutreten war nicht, dass mir die Leute dort zu alt vorkamen, sondern dass die Strukturen zu rigide waren.
    Ich hatte noch nicht mit 11 Jahren mit der Ochsentour und dem Plakate kleben angefangen und auch mit 19 keine Lust dazu. Ich wollte mich und meine Meinung in Debatten einbringen um so im Prozess dabei zu sein. Das gaben/geben die Strukturen aber meisten Jugendorganisationen nur leider nicht her, obwohl es in der schönen neuen digitalen Welt von heute doch so einfach wäre (siehe da, gerade tut ich in London sitzend meine Meinung zum Zustand von Jugendorganisationen in Deutschland kund). Schussendlich bin ich einem jungen Berliner Think Tank beigetreten was aber auch nicht das wahre war. Langer Rede kurzer Unsinn, ob jemand an seinem Stuhl klebt oder nicht und mit welchem alter er das tut ist sicherlich nicht unwichtig. Wichtiger für das finden, einbinden und halten von den angesprochenen jungen Menschen „die nicht Macht- oder Karrieregeil sind und zudem etwas auf dem Kasten haben“ sind aber eher die Strukturen denn die Leute. Außerdem, gerade wenn man offene Strukturen schafft, die das Mitdiskutieren und Mitgestalten auf solchem Wege, nicht mit Amt und damit (zu) viel Aufgaben, sondern klar Themen- und Interessenbezogen ermöglicht, kann man auch das Verlieren von Zeit zum Leben mindern.

    Eines kann ich mir nun aber doch nicht verkneifen. Lieber Julian, was aber das politische Exprimentierlabor und anstacheln der Mutterpartei angeht ist die Jugend sicherlich die Zeit für Sturm und Drang. Sie ist aber nicht eine Lizenz um aus dem quasi Jugendschutz ohne politische Verantwortung heraus Hoffnungen und Forderungen zu wecken, die dann von denen in der Verantwortung zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Dann ist man nämlich weniger der Stachel im Fleisch der Mutterpartei sondern fast schon ein Sargnagel. Eigene Wege immer gerne aber die Realität aus den Augen und den Boden unter den Füßen verlieren ist wenig hilfreich.

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