Politikwissenschaft bleibt Mist!

Liebe Frauke,

es freut mich, dass Du auf meinen Kommentar bei Zeit Online reagiert hast. Bitte entschuldige, dass ich erst heute auf Deinen Blog-Beitrag ‚Politikwissenschaft als Ausbildung für Politiker?‘ antworte, aber hier in London musste ich mich in den letzten Wochen durch die Klausurenphase schlagen und meine Examen in Ökonometrie und Spieltheorie überstehen.

Du gehst auf meine Kritik am Studium der Politikwissenschaften in Deutschland ein, aber ich glaube, wir diskutieren noch einander vorbei: Ich erwarte vom Studium der Politikwissenschaften nicht, dass es Studierende zu Politikern ausbildet. Das wäre vermessen aus genau den Gründen, die Du anführst. Aber ich erwarte vom Studium der Politikwissenschaften, dass es Studierende dazu befähigt, Mechanismen und Wirkungszusammenhänge zu verstehen und in verschiedenen Kontexten zu erkennen. Wirkungszusammenhänge, die zum Beispiel dazu führen, dass in einer kleinen Stadt eine Schule geschlossen, die Sportförderung gestrichen, die Abfallgebührenordnung geändert oder die Preise im Schwimmbad erhöht werden müssen.

Diese Idee, dass die deutsche Politikwissenschaft sich lösen muss von ihrem Drang zur ‚thick description‘ (Christiane Florin nennt das ‚Beobachten-Expertentum‘) und auf ‚analyzing‘ und ‚explaining‘ setzen muss, habe ich aus diesem wunderbaren Buch von Kenneth Shepsle entlehnt. An manchen Standorten in Deutschland (in Konstanz und Mannheim zum Beispiel. Laut Ronny Patz auch in Berlin) wird genau das – wenn ich meinen Kommilitonen hier in London, die dort ihr Bachelor-Studium absolviert haben, glauben darf – bereits praktiziert. Aber an vielen weiteren Universitäten scheint immer noch die Politikwissenschaft zu dominieren, die „von zahlreichen Journalisten begründet vielfach eher feuilletonistisch ausgerichtet“ (Frauke, danke Dir auch für diesen lesenswerten Text zur ‚Feuilletonpolitologie‘).  ist. Wenn ich von ‚Mechanismen‘ und ‚Wirkungszusammenhängen‘ schreibe, wünsche ich mir also, dass sich die deutsche Politikwissenschaft stärker am Rational-Choice-Approach, der international vorherrscht, orientiert. Vielleicht schaffen es dann ja auch wieder mehr Beiträge von Deutschen in angesehene Journals wie in die American Political Science Review.

Ich will es konkreter machen, welchen Vorteil ich im anglo-amerikanischen Ansatz im Vergleich zum deutschen Ansatz sehe: Wenn ich in Deutschland ein Seminar zu Kommunalpolitik belege, dann geht es vor allen Dingen um philosophische Grundsätze – Kommunalpolitik als Schule der Demokratie etwa. Das ist in Ordnung (in der Tat: Politikwissenschaft ist ein „Kompositfach unterschiedlicher Teildisziplinen„). Ich möchte diese Untermauerung in meinem Studium. Wenn ich mich in Großbritannien mit kommunalpolitischen Fragestellungen beschäftige, dann geht es aber über diese Überlegungen (und das Auswendiglernen der verschiedenen Wahlverfahren bei Bürgermeisterwahlen in unseren sechzehn Bundesländern, thick description!) hinaus. Dann geht es um die Bereitstellung öffentlicher Güter, um Externalitäten, um aktuelle Forschung wie etwa die Arbeiten von Elinor Ostrom.

Und das ist dann in höchstem Maße relevant für Wissenschaftler und Praktiker. Nimm doch z. B. die Abfallgebührenordnung einer Stadt, die das öffentliche Gut ‚Sauberkeit‘ teil-reguliert. Auf welche Art und Weise kann dieses öffentliche Gut bereitgestellt werden? Wie gehen wir mit der Trittbrettfahrerproblematik um? Wie viel ist die Bereitstellung eines solchen Gutes der Gesellschaft Wert? Antworten auf diese Fragen können Kommunalpolitik ‚besser‘ machen, auch, wenn es um so scheinbar triviale Fragestellungen wie die Ausgestaltung der Abfallgebührenordnung einer kleinen Stadt geht. Und Antworten auf diese Fragen gehören in meinen Augen in ein Studium der Politikwissenschaft. In (als ein Beispiel) ‚private costs‘ und ’social costs‘ zu denken, bietet genau den ersten Ansatzpunkt, um Mechanismen zu entlarven und Vorhersagen zu treffen.

Klar, wir bewegen uns plötzlich in einem Spannungsfeld zwischen Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften. Aber wer sich als Politikwissenschaftler mit policies beschäftigen möchte, der sollte unbedingt sich auf dieses Spannungsfeld einlassen.

Wer sich der Volkswirtschaftslehre annähert, der muss dann auch sein Methodenset anpassen. International ist das ja schon längst geschehen: Dieser Doktorand der Politologie aus Princeton beschwert sich zum Beispiel, dass er die ganze Spieltheorie und Methodenversessenheit der amerikanischen Politologen nicht mehr ertragen kann. In einer Zuschrift eines deutschen Politik-Dozenten, die ich auf meinen Kommentar erhalten habe, klagte der junge Professor, dass er ja gerne mehr quantitative Methoden lehren würde, aber die Studenten dann aus seinen Veranstaltungen flüchteten.

Ganz klar: Die Quantifizierung der Politikwissenschaft ist kein Allheilmittel und darf nicht überspannt werden. Aber die Politologie kann so viel von der Volkswirtschaftslehre lernen, denn „die VWL ist eine Sozialwissenschaft der besonderen Art. In ihr gibt es weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr, das Studium ist ein Unternehmen mit aufeinander aufbauenden Elementen.

Schön wäre es, wenn Gleiches für die deutsche Politikwissenschaft gelten würde. Jeder Standort veröffentlicht sein eigenes Methodenlehrbuch und baut sein eigenes Kartenhaus. Mein Eindruck ist, dass wir uns völlig zerfasern. Aktuell ist das politikwissenschaftliche Studium in Deutschland zumeist sowohl praxis- als auch wissenschaftsfern. Und natürlich ist ein Modell-Paper von Barry Weingast am Anfang noch sperriger als jeder Aufsatz eines deutschen Politologen. Aber es lohnt sich, diese Sprache der modernen Politikwissenschaft zu lernen. Sie gibt den jungen Politologen tatsächlich Werkzeuge an die Hand, um zu erklären und analysieren, um dann Empfehlungen zu erarbeiten und umzusetzen.

Mein Eindruck (und ich beanspruche hier keine external validity!) ist, dass die junge Generation der Politikwissenschaftler in Deutschland eine Generation der ‚Umsetzer‘ ist. Mein Beispiel des Entwicklungshelfers in Mali habe ich bewusst gewählt: Eine Freundin von mir beginnt in Kürze als Entwicklungshelferin in Mali bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sie hat ein politikwissenschaftliches Bachelor-Studium in Deutschland absolviert, das zwar auf dem Papier auf Entwicklungszusammenarbeit fokussierte, aber de facto nie über einige große Theorien der Internationalen Beziehungen hinausging. Nutzlos (aus ihrer Erwartungshaltung heraus)!

Sie ist dann für ihr Master-Studium nach Norwich gegangen und studiert dort nun Agriculture und Rural Development. Das Programm, das auf der Politikwissenschaft fußt, sie aber verbindet mit Volkwirtschaftslehre und den Naturwissenschaften, gefällt ihr ausgesprochen gut. In meinen Augen ist es schade, dass es solche Studiengänge in Deutschland nicht gibt und die Studenten dann nur eine ‚Abstimmung mit den Füßen‘ übrig bleibt.

Ähnlich frustriert waren viele meiner Freunde, die mit mir gemeinsam ein Bachelor-Studium in European Studies absolviert haben. Im Kommentar habe ich geschrieben, wir müssten im Studium lernen, wie Förderantrage ausgefüllt werden. Das ist natürlich übertrieben. Aber ich finde nichtsdestotrotz, dass ein Studierender von seinem Fach erwarten kann, dass  – wenn er denn auf European Studies fokussiert – Themen wie die großen europäischen Strukturfonds behandelt werden. Der European Regional Development Fund, der European Social Fund und der Cohesion Fund machen in Summe rund 40 Prozent des EU-Budgets aus. Aber im Studium (in meinem Studium) findet keine Erwähnung, nach welchen Mechanismen diese Gelder tatsächlich vergeben werden, ja, dass es diese Funds überhaupt gibt. Es existiert kaum Forschung zu diesem Thema (eine löbliche Ausnahme ist (u.a.) Achim Kemmerling, der allerdings in Budapest lehrt), und das, obwohl – wie Kemmerlings Ergebnisse zeigen – es unglaublich viel zu entdecken gibt. Aber die deutsche Politikwissenschaft kocht lieber immer wieder regionale Integrationstheorien und den Konstruktivismus auf. Das gehört zum Studium, wenn ich mich mit Europa beschäftige, klar, aber es darf nicht den Mittelpunkt bilden. Politikwissenschaft darf nicht ausblenden, dass ihr Forschungsgegenstand die Realität ist.

Hier in London arbeite ich neben dem Studium als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der LSE Public Policy Group. Eines unserer Projekte, das mich auch zum Verfassen des Kommentars veranlasst hat, ist Impact of Social Sciences. Die Kern-Idee des Projekts bringt unser chair Prof. Dr. Patrick Dunleavy genau auf den Punkt:

Our work is, by definition, about helping to develop better government and public administration. Academic work must have public impact to be truly valuable.

Ich wünsche mir von der deutschen Politikwissenschaft (an vielen Standorten), dass sie sich genau diese zwei Sätze zu Herzen nimmt. Welchen public impact kann ich mit dem Paper erzielen, das ich gerade verfasse? Wie nahe bin ich eigentlich mit meiner Forschung an dem, was gerade in der Wirklichkeit passiert? Kann ich mit meiner Forschung public value schaffen?

Das bedeutet nicht, dass die deutsche Politikwissenschaft Studierende zu Politikern ausbildet oder zum FH-Studiengang wird. Aber es bedeutet, dass sie den shift vollzieht von ‚describing‘ (Wahlsysteme en detail darstellen) hin zu ‚analyzing‘ (Spieltheorie!), dass sie den shift vollzieht hin zu einer stärkeren empirischen Ausrichtung, um so wieder die Werkzeuge an der Hand zu haben, mit denen sie international mitspielen kann und das zu vermitteln, was sich viele Studenten heute, meinem Eindruck zufolge, wünschen: Mit dem Studium der Politikwissenschaft später einen wirklichen Unterschied zu machen.

3 Responses to Politikwissenschaft bleibt Mist!

  1. […] Julian Kirchherr antwortet differenziert und aufschlussreich auf die Kritik seiner Kritik. Wenn dir dieser Artikel gefallen […]

  2. […] Hier. Sehr schön. Ich kann den Aufschrei der deutschen Antipositivisten schon hören! This entry was posted in General by RB. Bookmark the permalink. […]

  3. AlexanderT sagt:

    Keine methodischen Grabenkämpfe mehr in der VWL? Vorsicht, Vorsicht! Die formalen Modelle sind elegant und manchmal einfach auch nur „schön“. Vergessen Sie aber nicht ihre Kontingenz und beschränkte Anwendbarkeit auf das Soziale und Politische. Politische Empfehlungen aus formalen Modellen abzuleiten und sogar noch umzusetzen kann höchst gefährlich sein (s. subprime-Krise. Die Ausfallwahrscheinlichkeiten von CDO-Slices wurden als unabhängig voneinander modelliert. Die Modelleure haben dafür den Nobelpreis bekommen und einige Jahre später der Rest der Welt die schlimmste Finanzkrise seit 1929)

    Eine konstruktiv kritische Auseinandersetzung mit dieser Epistemologie sollte eigentlich, neben der Lehre dieser, Bestandteil der politikwissenschaftlichen Methodenausbildung sein. Leider müssen das sowohl Politikwissenschaftler als auch Ökonomen nachholen. Hier ein guter Einstieg: http://www.nakedcapitalism.com/2012/03/the-new-priesthood-an-interview-with-yanis-varoufakis-part-i.html

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