An einer Eliteuniversität in England – Die Kaderschmiede (Teil 2)

Die London School of Economics zählt zu den selektivsten Universitäten der Welt. Auf einen Studienplatz kommen oft mehr als zwanzig Bewerber. Schekker-Autor Julian studiert dort seit zwei Monaten Volkswirtschaftslehre und erzählt heute über ein vertracktes Zulassungsverfahren, Bill Gates und Kaffeebecher aus Styropor. 

Ein Studienplatz, zwanzig Bewerber. An der London School of Economic and Political Science, kurz LSE, angenommen zu werden, erfordert eine gute Vorbereitung und außerdem Glück. Die erste Hürde: Deadlines beachten. Die Universität organisiert ihre Zulassung mit dem sogenannten rolling-admissions-Verfahren. Das heißt: Sobald eine Bewerbung eingegangen ist, wird sie von einem Auswahlgremium begutachtet. Innerhalb von vier Wochen gibt es im Regelfall eine Antwort. Das heißt aber auch: Wer sich erst kurz vor Studienbeginn bewirbt, kann auch als exzellenter Kandidat Pech haben, weil in den beliebten Studiengängen dann bereits kein Platz mehr frei ist.

So früh wie möglich bewerben

Der Trick ist also, sich so früh wie möglich zu bewerben. Das Bewerbungsverfahren öffnet Mitte Oktober für den Studienbeginn im kommenden Herbst. Eingereicht werden müssen neben allen Noten auch ein mehrseitiges Motivationsschreiben sowie zwei Referenzen von Professoren.  Diesen wird neben den Noten bei der Zulassung besonderes Gewicht beigemessen. Nicht nur der Inhalt ist wichtig, sondern auch das Ansehen der jeweiligen Universität und des Professors, der das Gutachten schreibt.


Hier lässt es sich lernen: Die Bibliothek der LSE, erbaut von Norman Foster. Foto: Mulloom2 / http://www.wikipedia.org

Bei den Referenzen hatte ich großes Glück: Während meines Bachelor-Studiums in Münster hatte ich als studentische Hilfskraft gearbeitet. Währenddessen war einer meiner Chefinnen eine Stelle an der Harvard University angeboten worden. Auf dem Harvard-Briefkopf hat sie mir dann auch das Gutachten ausgestellt.

Für mein Master-Studium habe ich mich an drei Universitäten beworben: der John F. Kennedy School of Government der Harvard University, der LSE und der Hertie School of Governance in Berlin. Für Harvard hat es nicht gereicht, aber neben London hätte ich auch in Berlin anfangen können.

Studium mit Praxisbezug

An allen drei Universitäten habe ich mich für MPA-Programme beworben, das steht für Master of Public Administration. Diese Studiengänge verknüpfen volkswirtschaftliche und politikwissenschaftliche Fragestellungen und heben besonders den Praxisbezug hervor. Das MPA-Programm der Harvard University gilt als das beste MPA-Programm der Welt. Sogar der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat es absolviert. In Europa gilt das MPA-Programm der LSE als das beste. Mein Kommilitone Raktim hat sich auch bei beiden Programmen beworben, und ist auch in beiden Programmen angenommen worden.

Raktim kommt aus Indien und hat dort viele Jahre für die Unternehmensberatung Ernst & Young gearbeitet, bevor er sich dazu entschieden hat, wieder zu studieren. Seine Entscheidung für die LSE und gegen Harvard hat er bisher nicht bereut. „Das Programm in Harvard war mir einfach zu teuer. Deshalb bin ich dann an die LSE gekommen.“ Für ihn spielen beiden Universitäten in einer Liga. „Und die Wirtschaftswissenschaften werden in London besonders hervorgehoben.“


Studenten der LSE in der Mittagspause auf den Lincoln’s Inn Fields. Foto: David Iliff / http://www.wikipedia.org

„Die Atmosphäre hier an der Universität ist großartig. Die LSE ist die internationalste Universität der Welt“, sagt Raktim. Auf ihrer Website wirbt sie damit, dass aktuell Studierende aus über 140 verschiedenen Ländern eingeschrieben sind. Unser MPA-Programm setzt sich auf 43 verschiedenen Nationen zusammen. Meine engsten Freunde kommen aus China, Pakistan und den USA. Auch fast die Hälfte der Dozenten der LSE kommt nicht aus Großbritannien.

„Das ist wirklich einmalig“, findet auch mein Kommilitone Julius. Er hat Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und an der renommierten Sciences Po in Paris studiert, bevor er sich für das MPA-Programm an der LSE beworben hat. Am ersten Tag war er sich noch nicht ganz sicher, ob er sich hier wohlfühlen würde. „Aber zum Glück hat auf unserer Einführungsveranstaltung niemand einen Anzug getragen“, erzählt Julius und grinst. „Deshalb bin ich bis heute beim T-Shirt geblieben.“  Das mache ich genauso.

Im Gespräch mit Bill Gates oder Mario Monti

Ein T-Shirt tragen wir auch, wenn wir unter der Woche einen der vielen Vorträge an der LSE besuchen.  Einen Dresscode gibt es nicht. Beinahe jeden Tag stellen sich Größen aus Politik und Wirtschaft den Fragen von uns Studenten. Eigentlich kommen viel zu viele, um tatsächlich alle interessanten Vorträge wahrzunehmen. Letzte Woche war der italienische Regierungschef Mario Monti zu Besuch. Den habe ich leider verpasst. In zwei Wochen kommt Bill Gates. Da werde ich aber auf jeden Fall hingehen.

Trotz der vielen prominenten Gäste herrsche keine elitäre Atmosphäre auf dem Campus, betont Julius. „Die piekfeine Ralph-Lauren-Fraktion mit Starbucks-Kaffee in der Hand ist in der Minderheit“, lacht er. Und das stimmt. Die meisten meiner Kommilitonen kaufen ihren Kaffee zum Beispiel in der Wright’s Bar, ein Geheimtipp direkt am Campus. Das gilt sogar für meinen Mitstudenten Faisal, dessen Vater saudi-arabischer Botschafter in Ägypten ist. Die Wright’s Bar wird von einem alten Italiener und seiner Familie betrieben. Und der Kaffee wird dort in einem weißen Styropor-Becher serviert – für sechzig Pence. Günstig und wirklich lecker!

Erschienen in: Schekker – Das Jugendmagazin der Bundesregierung, Reportage | Februar 2012

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