Gesetze für 500 Millionen Menschen

Seit zwei Jahren arbeitet Agnieszka Dombrovsky bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Eine Laufbahn in den EU-Institutionen hatte sie eigentlich nie geplant. Wieso sie doch nach Brüssel gekommen ist und was sie dort macht, erzählt sie Schekker-Autor Julian.

„Ich glaube, ich will nach Asien.“ Agnieszka denkt verträumt nach. „Das wäre wieder etwas ganz Neues. Aber erst in ein oder zwei Jahren.“ Wir sitzen auf einer kleinen Mauer an der Rue de Londres, nur zwei Straßen entfernt vom Europäischen Parlament. Plötzlich springt sie hinunter. „Jetzt wäre noch ein Espresso gut. Am Place du Luxembourg?“ Sie läuft einfach los.

Seit anderthalb Jahren wohnt die 30-jährige Polin mittlerweile in Brüssel. Angefangen hat sie als stagiaire, als Praktikantin, bei der Europäischen Kommission. „Das war ein richtig gutes Praktikum“, sagt sie. „Ich habe jeden Tag eine Aufgabe bekommen, mit der ich mich vorher noch nie beschäftigt hatte. So viel habe ich in so kurzer Zeit noch nie gelernt.“ Heute ist sie Mitarbeiterin der Generaldirektion für Bildung und Kultur, bei der sie damals so klein angefangen hat.

Als Praktikantin hat sie bereits satte 1071,10 Euro im Monat verdient, fast ohne Abzüge. Zum Vergleich: 40 Prozent aller deutschen Praktikanten mit Studienabschluss werden überhaupt nicht bezahlt. Das Durchschnittsgehalt aller, die bezahlt werden, liegt bei rund 551 Euro brutto im Monat. Heute bekommt Agnieszka sogar das Vierfache ihres damaligen Praktikantengehalts.

Trotzdem wohnt sie noch immer im gleichen kleinen Zimmer am Square Ambiorix, in das sie zu Praktikumsbeginn eingezogen ist. „Das sind fünfzehn Gehminuten bis zur Kommission“, sagt sie. „Besser geht es doch nicht. „Außerdem gebe ich mein Geld lieber für andere Dinge aus. Kleider zum Beispiel.“ Sie grinst breit und fährt sich durch das blondierte Haar.

Von der Großkanzlei nach Barcelona

Agnieszka hat Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre in Warschau studiert. Gleichzeitig. Und in Rechtswissenschaften als Jahrgangsbeste abgeschlossen. „Im Rechnen war ich nicht so gut.“ Später hat sie in Barcelona zu geistigen Eigentumsrechten promoviert. Aber auf ihren Doktortitel wird sie nicht gerne angesprochen. „Das war keine schöne Zeit.“

Sie ist damals für ihren Freund, einen Spanier, nach Barcelona gezogen. „Ich habe in einer Großkanzlei in Warschau gearbeitet, als wir uns kennengelernt haben. Ich habe den Job gehasst. Die Arbeitszeiten waren das Schlimmste.“ Spät nachts kam sie nach Hause und auch am Wochenende musste sie oft ins Büro. „Und als ich irgendwann nachts wieder meine Pizza aus dem Pappkarton gegessen habe, habe ich mir gedacht, dass ich jetzt mit ihm nach Barcelona gehe.“ Dreieinhalb Jahre hat sie dort gelebt und an ihrer Doktorarbeit geschrieben. Die Beziehung ging allerdings schon nach einem Dreivierteljahr auseinander. Aber nicht nur das belastete sie in dieser Zeit. Es fiel ihr nicht leicht, Spanisch zu lernen. Ihre Doktorarbeit, die sie auch auf Spanisch schreiben musste, zog sich deshalb in die Länge und auch privat stand ihr die Sprachbarriere oft im Weg.

Mit einem Doktortitel zur Europäischen Kommission

In Brüssel ist das anders. Hier kommt sie mit Englisch gut zurecht. Ihr Promotionsthema steht nun auch im Mittelpunkt ihrer Arbeit bei der Europäischen Kommission. „Wir beschäftigen uns im Generaldirektorat etwa mit der Frage, wie wir in der Europäischen Union mit Musikpiraterie umgehen“, erzählt sie mir auf dem Weg zum Place du Luxembourg. Plötzlich redet sie viel langsamer, klingt ganz sachlich und ernst. „Oder wie wir auf Webseiten reagieren, die urheberrechtlich geschützte Filme und Serien online stellen. Welche Gesetzgebung kann von uns initiiert werden, um geistige Urheberrechte in ganz Europa besser zu schützen?“

Ein typischer Arbeitstag beginnt für Agnieszka um neun Uhr morgens. Gegen fünf Uhr nachmittags kann sie meistens Schluss machen. „Viele in Brüssel meinen, dass niemand in der Stadt so wenig arbeitet wie die Mitarbeiter der Europäischen Kommission“, sagt sie. „Aber ich finde, das stimmt nicht. Wir verbringen vielleicht nicht so viel Zeit im Büro wie die Lobbyisten und Consultants, aber wir nutzen jede Minute, um etwas zu verändern.“

Den größten Teil ihrer Arbeitszeit verbringt Agnieszka an ihrem Computer. „Klar, ich mache einen echten Bürojob.“ Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich die Aktenordner und auf ihrem Desktop seien immer knapp ein Dutzend Fenster geöffnet, erzählt sie, während wir immer noch gemütlich durch Brüssel schlendern.

Meeting mit dem Chaos Computer Club

In ihrem Job recherchiert sie Informationen, stellt Daten zusammen und verfasst Positionspapiere. Aber oft trifft sich ihr Generaldirektorat auch mit Vertretern aus der Musikindustrie, der Filmbranche und auch mal mit dem Chaos Computer Club. „Wir wollen einen tiefen Einblick gewinnen, bevor wir eine Richtlinie oder Verordnung auf den Weg bringen. Deswegen diskutieren wir jeden unserer Vorschläge mit verschiedenen Interessengruppen“, erklärt Agnieszka. Die vielen Meetings machen die Arbeit lebendiger.

Nur die Europäische Kommission hat die Kompetenz, eine Gesetzgebung zu initiieren. Der Rat der Europäischen Union, in dem die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten vertreten sind, und das Europäische Parlament können keine eigenen Vorschläge einbringen, sondern nur Änderungen vornehmen und Vorlagen verabschieden. „Wenn aber ein Parlamentarier mit einer guten Idee zu uns kommt, machen wir natürlich etwas daraus“, sagt Agnieszka.

Gesetze für eine halbe Milliarde Menschen

Wenn eine Verordnung in Kraft tritt, erlangt sie Gültigkeit für alle Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union. „Das sind fast eine halbe Milliarde Menschen“, sagt Agnieszka. „Das ist das Atemberaubende, aber auch Angsteinflößende an diesem Job.“ Geplant hat Agnieszka nie, eines Tages für die Europäische Kommission zu arbeiten. „Ich wusste nach meiner Promotion nicht, was ich wollte. Ich wusste nur, was ich nicht wollte: eine Großkanzlei. Und so ein Praktikum bei der Europäischen Kommission klang cool. Deswegen habe ich mich beworben.“

Dass sie anschließend übernommen wurde und einen Zweijahresvertrag erhielt, ist keine Selbstverständlichkeit. Mit 615 Praktikantinnen und Praktikanten hatte sie ihr Traineeship bei der Europäischen Kommission begonnen. 30 erhielten nach fünf Monaten ein Angebot. „Ich würde keinem raten, sich als berufliches Ziel einen Job in der Europäischen Kommission zu setzen. Das wollen so viele und da spielt so viel Glück mit hinein“, sagt Agnieszka.

615 Praktikanten, 30 Jobs

Wer einen unbefristeten Job bei der Europäischen Kommission will, muss den Concours bestehen, einen der härtesten Aufnahmetests der Welt. Im Concours werden neben Sprach- und Mathematik-Kenntnissen auch logisches Denken und das Wissen über die Europäische Union abgefragt. Allein im letzten Jahr nahmen über 50.000 Bewerber an der Prüfung teil.

„Das ist schon eine Herausforderung“, sagt Agnieszka. „Aber ich will den Test momentan überhaupt nicht machen. Irgendwas mit geistigen Eigentumsrechten in Indonesien oder Vietnam zu machen, wäre spannender.“ Im Winter 2012 läuft ihr Vertrag aus.. Sie zupft sich das schwarze Kleid zurecht, bevor wir endlich das Café am Place du Luxembourg betreten. „Zwei Espresso, bitte.“

Aus: Kirchherr, J. Schekker – Das Jugendmagazin der Bundesregierung, Porträt | September 2011 | Ausgabe 96 – Europa, hier abrufbar.

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