Internationale Ansätze für Gewerbegebiete?

Während der Eco-Industrial Park als Keimzelle der Nachhaltigkeit auf internationaler Ebene bereits viel diskutiert wird, findet das Konzept in Deutschland und NRW erst allmählich Verbreitung.

Umweltpolitik und Wirtschaftspolitik zu verknüpfen ist nicht ganz einfach.“ Samuel Adoboe wiegt nachdenklich den Kopf. „Aber wir machen Fortschritte.“ Adoboe arbeitet seit Februar 2006 bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die als Bundesunternehmen politische Entscheidungsträger im In- und Ausland berät. In seinem Projekt in Kumasi im westafrikanischen Staat Ghana unterstützt er die Entwicklung nachhaltiger Gewerbegebiete für kleine Unternehmen.

„Wir haben zum Beispiel viele spezialisierte Kleinunternehmer in der Fahrzeugreparatur“, sagt Adoboe. Sie sind jedoch über die ganze Stadt verteilt. Diese Fragmentierung nützt weder dem Kunden noch dem Unternehmen. Die GIZ berät lokale Behörden in Kumasi bei der Umsiedlung von Kleinunternehmen in ein integriertes Gewerbegebiet – das so genannte Clustering. Die Vorteile sind vielfältig: An einem Ort können die Unternehmer nun ein ganzes Set an Leistungen anbieten. Gleichzeitig erzielen sie Skaleneffekte durch sinkende Fixkosten. Dies geschieht beispielsweise durch gemeinsame Nutzung von Maschinen oder die Entsorgung von Abfall
durch ein integriertes System.

In Ghana setzt die GIZ mit ihrer Beratung auf der lokalen Ebene an. Solche Projekte sind wichtig, um Ideen einem Praxistest zu unterziehen. Viel häufiger allerdings beginnt die Beratung der GIZ auf höherer Ebene. In Indien etwa unterstützen GIZ-Mitarbeiter
Behörden bei der Optimierung der Rahmenbedingungen für nachhaltige Gewerbegebiete gleich in mehreren Regionen.

Auch in Deutschland gibt es Interesse am Konzept der nachhaltigen Gewerbegebiete. Die Umsetzung erfolgt allerdings auf andere
Art als in Entwicklungs- und Schwellenländern. Das NRW-Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur und Verbraucherschutz (MKULNV) nimmt hierbei eine Vorreiterrolle ein und hat bereits 2004 ein Modellprojekt zu nachhaltiger
Gewerbeflächenentwicklung initiiert. Die Pilotvorhaben zeigen auf, welches Potenzial der Ansatz für kommunale Wirtschaftsförderungen bietet:

• In Hemer beispielsweise ist über das Modellprojekt gezielt die Clusterentwicklung gefördert worden. Betriebe, die aus
derselben Branche kommen, arbeiten gemeinsam an neuen Produkten, deren Entwicklung für ein Einzelunternehmen zu
teuer wäre. Gleichzeitig wird das gesamte Gelände über eine umweltfreundliche Hackschnitzelheizung mit Wärmeenergie
versorgt und verfügt über eine integrierte Regenwassernutzungsanlage. Eine Möglichkeit für den „Neustart“ des Gewerbegebiets
ergab sich aus der Konversion eines ehemaligen Kasernengebiets, die zur Erweiterung des bestehenden Gewerbegebiets
führte.

• Im Kreis Kleve ist über das Modellprojekt ein interkommunaler virtueller Gewerbeflächenpool entstanden, um dem so genannten
Baulandparadoxon zu begegnen. Dies bedeutet: Der Bedarf an Gewerbeflächen in einer Region ist rechnerisch zwar gedeckt, aber die Nachfrage ballt sich auf bestimmten ausgewählten Flächen. Viele Kommunalverwaltungen gerade im ländlichen Raum sind mit diesem Problem konfrontiert. Durch den Flächenpool werden Gewerbeflächen effizienter genutzt, das Angebot nachfragegerecht gestaltet und die Kooperation aller Kommunen im Kreis befördert. Für alle Flächen im Kreis sind Nachhaltigkeitskriterien vereinbart worden, welche die Auswahl des Standorts wie auch den Betrieb des Gewerbegebiets betreffen.

Ansätze wie in Hemer oder im Kreis Kleve können in jeder Stadt in Nordrhein-Westfalen gefördert werden. Elf Kommunen nehmen
mittlerweile am Pilotvorhaben teil, weitere Interessenten werden gesucht. Das Potenzial nachhaltiger Gewerbegebiete (Eco-Industrial Parks) wird in Deutschland und auf internationaler Ebene intensiv diskutiert. Über nachhaltige Gewerbegebiete
sollen nicht die Grenzen des Wachstums aufgezeigt, sondern der Konflikt zwischen den Belastungsgrenzen der Ökosysteme und
der fortschreitenden Industrialisierung verringert werden. Ziel ist es, das wirtschaftliche Wachstum von der Verschlechterung
der Umwelt abzukoppeln. Vorrangiges Ziel eines nachhaltigen Gewerbegebiets ist nicht, die Rentabilität der Unternehmen zu steigern und gleichzeitig die Umwelt zu schützen. Im Zentrum steht die Frage: Wie kann ich meine Rentabilität steigern, indem ich die Umwelt schütze? In einem nachhaltigen Gewerbegebiet lautet die Devise: Nachhaltigkeit muss effizient sein und sich für den Unternehmer rechnen.

Das nachhaltige Gewerbegebiet funktioniert nicht über Appelle und schlechtes Gewissen. Es ist ein Modell für Unternehmer, die ihre
Profite maximieren wollen. Der Schlüssel zum nachhaltigen Gewerbegebiet ist die Ressourceneffizienz. Der Verweis auf weniger Ressourcenverbrauch und sinkende Kosten ist das schlagende Argument. Diese Ressourceneffizienz wird angekurbelt durch Informations- und Austauschplattformen. Unternehmer werden an einem Tisch versammelt, um mögliche Synergieeffekte
auszuloten. Absprachen über zukünftige regelmäßige Zusammenarbeit sowie das Bilden von Plattformen sind erste Schritte, um ein nachhaltiges Gewerbegebiet einzurichten.

Eine der vielversprechendsten Aktivitäten ist der Aufbau einer kosteneffizienten und umweltverträglichen Ver- und Entsorgung.
Weitere Ansatzpunkte sind etwa die Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung, energieeffizientes Bauen und der gezielte Ausbau
erneuerbarer Energien. Auch eine stärkere Vernetzung des Gewerbegebiets mit der umliegenden Stadt ist ein Hebel. So kann zum
Beispiel die überschüssige Wärme aus einer Vielzahl von Produktionsprozessen für die Heizung öffentlicher Gebäude genutzt werden.

Trotz dieser Herausforderungen hat sich nicht nur für die nordrhein-westfälischen Pilotstädte- und kreise, sondern auch für die
Kleinunternehmer in Kumasi die Umsiedlung in ein nachhaltiges Gewerbegebiet gelohnt. Beinahe alle Unternehmen verzeichneten
nach nur wenigen Monaten eine deutliche Steigerung der Rendite durch den großen Strauß an Dienstleistungen, den sie in der neu
geschaffenen Industriezone bieten können.

Die Entwicklung solcher Gewerbegebiete trägt zu nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung bei – eines der wichtigsten Ziele
der internationalen Zusammenarbeit sowie der kommunalen Wirtschaftsförderung. Gerade weil Klimawandel und Verschlechterung
der Umwelt irreversibel sind, braucht es nachhaltige Gewerbegebiete als innovative Maßnahme zum Umweltschutz und zur nachhaltigen Wirtschaftsförderung.

Meyer, A., Kirchherr, J. (2011). Internationale Ansätze für Gewerbegebiete, Städte- und Gemeinderat, 11, 12-13, abrufbar unter http://t.co/BCHhCCBg.

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