Die Kaderschmiede

In Rankings für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften streitet die London School of Economics jedes Jahr mit der Harvard University und der University of Oxford um den Spitzenplatz. Schekker-Autor Julian studiert dort seit zwei Monaten Volkswirtschaftslehre und erzählt über horrende Studiengebühren und Nobelpreisträger in der Mensa.

John F. Kennedy hat dort studiert. Und Frank Mattern, Chef von McKinsey Deutschland. Genau wie Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und Regierungssprecher Steffen Seibert. Seit mehr als einhundert Jahren gilt die London School of Economics and Political Science, kurz LSE, als Kaderschmiede für Führungskräfte in Wirtschaft und Politik in Deutschland und weltweit.

16 Nobelpreisträger hat die Universität seit ihrer Gründung im Jahr 1895 hervorgebracht. Den letzten Wirtschaftsnobelpreis gab es erst im letzten Jahr und zwar für Christopher Pissarides. Ihm bin ich kürzlich in der Mensa über den Weg gelaufen. Das war schon ziemlich cool. Ein Nobelpreisträger isst Spaghetti Bolognese drei Tische weiter.

Acht-Quadratmeter-Zimmer – zu zweit!

Ich bin seit zwei Monaten Student an der LSE. Eingeschrieben bin ich in einem Master of Public Administration (MPA), der sich mit Management und Public Policy befasst. Im Grunde genommen ist es ein Studium der Volkswirtschaftslehre. Auf dem Stundenplan stehen Makroökonomie, Ökonometrie und Führungslehre. Rund 19.260 britische Pfund (22.528 Euro) kostet ein Jahr an der LSE für mich – auch mit Stipendium nicht gerade günstig. Und rund 38 Mal so teuer wie mein Bachelor-Studium in Münster.

Die London School of Economics and Political Science

Die London School of Economics and Political Science

Bei solchen Studiengebühren spare ich an allen Ecken und Enden: Mein Acht-Quadratmeter-Zimmer im Studentenwohnheim teile ich mir mit einem Chinesen. Während des Bachelor-Studiums in Münster konnte ich mir noch eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung leisten. Mein Kommilitone Sam findet: „Die Kosten sind sicherlich der größte Minuspunkt.“ Sam ist Brite und hat zuvor einen Bachelor in Musik in Oxford gemacht. Jetzt ist er auch im MPA-Programm eingeschrieben. Auf 17 Plätze kamen in diesem Jahr rund 351 Bewerber. „Ich bin froh, dass ich angenommen wurde und ich bin mir sicher, dass sich die Investition lohnt. Die LSE hat weltweit einen Ruf wie ein Donnerhall“, meint der 22-Jährige.

Wunschjob dank Eliteuni

Elite-Universitäten wie die LSE haben in England eine lange Tradition. „Die Finanzierung und Qualität unserer Hochschulen in England variieren stark“, sagt Sam. „Deshalb versucht jeder, in einer der Top-Universitäten – Oxford, Cambridge und der LSE – unterzukommen.“ Sie versprechen hohe Einkommen und den Wunschjob. In Deutschland, findet Sam, würden die Universitäten sich weniger stark untereinander unterscheiden. Von der Exzellenzinitiative, die aktuell mit 2,7 Milliarden Euro dotiert ist und 2005 von der Bundesregierung aufgelegt wurde, um einzelne deutsche Universitäten besonders zu fördern, hat er noch nicht gehört. Bis Heidelberg, Aachen oder Göttingen mit den englischen Elite-Hochschulen in einer Liga spielen, wird also wohl noch eine Weile vergehen.

Zwischen Bachelor- und Master-Studium hat Sam in Indien für einen Real-Estate-Investment-Fund gearbeitet. „Als ich denen erzählt habe, dass ich meinen Master an der LSE machen würde, habe ich gleich das Angebot bekommen, anschließend wieder hier einzusteigen. Das war schon toll“, erzählt mir Sam stolz.

Keine Angst vor hohen Schulden

Ein Job-Angebot hat meine Kommilitonin Bekka noch nicht. Aber sie hat schon eine Nichtregierungsorganisation gegründet. The Small Things (www.thesmallthings.org) setzt sich für bessere Bedingungen in Kinderheimen in Tansania ein. „An der LSE habe ich nun wirklich viele Studierende getroffen, die mich bei meiner Arbeit unterstützen. Jeder hier ist so ambitioniert und voller Ideen und Energie.“ Schade findet sie es nur, dass sie abends so selten weggeht. „Das Studium ist echt hart.“ Vor ihrem Master-Programm hat die 23-jährige Amerikanerin eine Ausbildung als Goldschmiedin absolviert und einen Bachelor in Gender Studies an der renommierten Tufts University in den USA gemacht. „Nach meinem Master-Studium habe ich rund 100.000 Dollar Schulden.“ Sie zuckt mit den Schultern.

Glänzende Jobaussichten

Vielen Studierenden bereiten solche horrenden Summen keine Kopfschmerzen. Die LSE wirbt auf ihrer Website offensiv damit, dass Einstiegsgehälter ihrer Absolventen rund ein Drittel höher seien als im nationalen Schnitt. Aktuell sind fast 9.000 Studierende eingeschrieben. Die Arbeitslosenquote der Graduierten liegt bei 0,2 Prozent. Jeden Tag kommen ein Dutzend Unternehmen an die Universität, insbesondere Beratungen und Investmentbanken, aber auch internationale Organisationen, um Absolventen zu rekrutieren. In der Phase vor den Weihnachtsferien ist besonders viel los auf dem Campus. „Milk Season“ nennen das die Career Advisor, weil so viele Studierende ein Vertragsangebot erhalten. Bevor wir unsere Bewerbungen abschicken, überarbeiten die Career Advisor mit uns Anschreiben und Lebenslauf. Auch so etwas gibt es an deutschen Universitäten eher selten.

Was ich nach dem Studium machen will, weiß ich noch nicht genau. Die Kurse nehmen jeden Tag so viel Raum ein, dass kaum Zeit bleibt, darüber nachzudenken. Aber das Schöne ist: Ich habe das Gefühl, dass ich mir meine Arbeit nach meinem Abschluss ein gutes Stück weit aussuchen kann. Spannend finde ich, genau wie Sam, Unternehmensberatungen und internationale Organisationen. Mir gefallen dort die Feedback-Kultur, die Internationalität und das Streben nach perfekten Ergebnissen. Mal schauen. Bis zum Abschluss ist ja noch ein wenig hin.

Aus: Kirchherr, J. Schekker – Das Jugendmagazin der Bundesregierung, Weitblick | November 2011 | Ausgabe 98 – Luxus, hier abrufbar.

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