Brief an … das Praktikum

Spiesser-Autoren schreiben Briefe. Dieses Mal trennt sich Julian von seinem Praktikum.

Liebes Praktikum,

am Anfang war ich ganz aufgeregt: Wir haben uns im Deutschen Bundestag kennengelernt. Damals war ich unschuldige 17. Du bist mir sofort ins Auge gefallen zwischen all den Krawattenträgern und Hosenanzügen. Ich habe dich umworben, habe für dich Kaffee gekocht und dir eine Seite nach der anderen über den Kopierer gezogen.

Dann hast du dich bei mir im Fahrstuhl mit einem dicken Kuss auf den Mund und meinem ersten Praktikumszeugnis bedankt: „Julian erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu meiner vollsten Zufriedenheit. Für seine berufliche Zukunft wünsche ich ihm alles Gute“. Und damit begann die Beziehung zwischen uns beiden.

Doch zwischendurch bin ich dir immer wieder mit dem Studium fremdgegangen. Aber wir führen ja eine eher offene Beziehung mit vielen Experimenten. Ich mag das so. Und ich bin ja immer zu dir zurückgekommen. Sechs Mal. Und das mit 21 Jahren. Aber jetzt reicht´s! Ich kann und will nicht mehr. Wir müssen das hier und heute beenden. Sorry Mann. Es tut mir echt Leid. Es stimmt: Du hast dich ganz schön ins Zeug gelegt für unsere Beziehung, gerade in letzter Zeit. Für sechs Monate hast du mich zur UNO nach Brüssel geschickt. Und ich sollte ins Auswärtige Amt. Alles schön und gut, aber es geht so trotzdem nicht weiter, denn du ziehst mich über den Tisch. Gemerkt habe ich das, als ich mit meinen Freunden über dich geredet habe. Du kommst eben auch viel herum und probierst viel aus. Das ist okay. Das war immer der Deal. Aber andererseits bist du zu hartnäckig, eine Klette, die nicht loslässt. Meine Freunde sind längst mit ihrem Master oder Doktor verheiratet, aber du gehst immer noch mit ihnen aus.

Meine Freunde sind nicht mehr 21. Und irgendwann muss das Experimentieren ein Ende haben. So eine Heirat ist eine große Sache. Du solltest das respektieren. Wir beide haben jetzt seit fünf Jahren diese Beziehung, und ich will endlich Verbindlichkeit und einen festen Rahmen. Keine Seitensprünge mehr. Weder für dich noch für mich. Und egal, was ich mache, du willst mir diese Verbindlichkeit nicht geben. Du hältst mich hin. Schickst mich zurück zum Studium, bis ich dann wieder angekrochen komme. Du spielst mit mir, obwohl ich endlich ankommen will. Was soll das?

Liebes Praktikum, ich sehe keinen anderen Ausweg als die sofortige Trennung. Ich schmeiße die Brocken hin. Es genügt. Das hier ist mein endgültiger Abschied. Und bitte schick mir keine SMS mehr. Ich will auch keine Nachricht von dir auf meiner Mailbox. Wir gehen jetzt getrennte Wege. Ich bin jetzt mit dem Beruf zusammen und es ist etwas Ernstes.

Dein Julian

Der Artikel ist im Spiesser erschienen.

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