Berufsweg Geschlechter-Gerechtigkeit – eine Frauenbeauftragte erzählt

Von: Julian Kirchherr

Anja Wolde kämpft für mehr weibliche Professuren, eine bessere Work-Life-Balance und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nur bei sich selbst hat die Frauenbeauftragte ihre Ziele noch nicht erreicht, wie sie Schekker-Autor Julian erzählt.

Auf Anja Woldes Schreibtisch stapeln sich die Zettel und Ordner. Pausenlos piepst ihr Computer, wenn eine neue E-Mail im Postfach gelandet ist. Exakt dreißig Minuten hat sie sich trotzdem für ein Gespräch Zeit genommen. Doch dann vibriert das Handy. Ein wichtiger Anruf. „Sorry, ich muss da jetzt dran“, entschuldigt sie sich.

Warum ist die Frauenbeauftragte der Johann Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main so beschäftigt? „56 Prozent unserer Studierenden sind Frauen, aber nur knapp 19 Prozent der Lehrstühle werden derzeit von Frauen gehalten. Auch bei den neuberufenen Professuren liegt der Frauenanteil bei einem knappen Drittel. Es gibt also viel Arbeit und Raum für Verbesserungen, “ sagt Wolde.

Für Doppel-Karriere-Partnerschaften und mehr Kinder bei Chemie-Studierenden

Anja Wolde ist seit fast vier Jahren die Frauenbeauftragte der Goethe-Universität. Die Job-Bezeichnung gefällt ihr aber nicht. „Ich nenne mich lieber Gleichstellungsbeauftragte, schließlich geht es bei meiner Arbeit um gleiche Chancen für beide Geschlechter“, sagt sie. Den Namen ihres Jobs gibt aber die Universität vor.

Was macht eine Frauenbeauftragte? „Unser Gleichstellungsbüro bietet etwa Dual-Career-Services an“, holt Wolde aus. „Wir unterstützen also Doppel-Karriere-Partnerschaften und bieten den Partnerinnen und Partnern von neuen Professorinnen und Professoren Hilfe bei der Suche nach beruflichen Anschlussmöglichkeiten in der Region. Wir sind außerdem in die Personalauswahl der Universität involviert und bauen gerade stark die Familienservices aus.“

Wieder piepst der Computer. Kurz schaut Wolde hinüber zum Bildschirm, ob etwas Wichtiges ins Postfach gekommen ist. E-Mails, SMS und Anrufe diktieren ihren Tagesablauf.

Grundsätzlich sei ein Kind auch während des Studiums möglich, meint sie. „Bei manchen Studiengängen ist die Vereinbarkeit aber schwierig. Wer etwa Chemie studiert, ist viel im Labor hat wenig Zeit für Familie.“ Kinder und ein Studium der Geistes- und Sozialwissenschaften zu vereinbaren, sei einfacher möglich. „Insgesamt müssen wir aber unser Angebot an Teilzeit-Studiengängen ausbauen“, sagt Wolde.

Frauenbeauftragte als universitäre Laufbahn

Wolde hält einen Moment inne und blickt etwas skeptisch, denn sie soll etwas über ihr Privatleben erzählen. Sie ist verheiratet, hat aber keine Kinder. Immerhin baut ihr Mann Kindergärten. „Er ist Ingenieur und hat sich darauf spezialisiert“, sagt Wolde und lächelt. Die Soziologin hat sich lange Zeit der Wissenschaft gewidmet und promovierte in Tübingen zu Geschlechterfragen, bevor sie die Laufbahn in der Gleichstellung eingeschlagen hat. „Es gab Momente, in denen habe ich bedauert, keine Kinder zu haben“, räumt sie ein.

Diskussionen gehören bei der Frauenbeauftragten Wolde zum Alltag. Foto: Goethe-Universität

Den Weg der Frauenbeauftragten zu nehmen, war für Wolde eine sehr bewusste Karriereentscheidung. „Ich habe erst vergleichsweise spät promoviert und hatte bis dahin wenig veröffentlicht, so dass ich mir nicht sicher war, ob es noch für eine Professur reichen würde.“ Eine Karriere in der universitären Gleichstellung sei dann einfacher planbar gewesen und knüpfte außerdem direkt an ihre Doktorarbeit an. Das Privatleben hat sie dafür zurückgestellt.

Während des Semesters ist sie meist über 60 Stunden in der Woche im Büro. Wenn viele Projekte anliegen, arbeitet sie auch am Wochenende. „Dann will ich meine Stunden gar nicht mehr zählen“, sagt Wolde. „Zum Glück arbeitet mein Mann genauso viel.“

„Frauenquoten fördern Mittelmaß. Aber das ist nicht so schlimm.“

Als Frauenbeauftragte will die 61-Jährige nicht missionieren, sondern trägt jedes ihrer Argumente sachlich und präzise vor.

„Ich meine, es gibt zwei Gründe, warum noch so wenige Frauen in universitären Führungspositionen sind. Erstens gibt es ein strukturelles Problem. Wer Wissenschaft macht, ist nicht in einem Acht-Stunden-Job. Sie leben für die Wissenschaft und müssen vollen Einsatz zeigen. Für Frauen bedeutet das im Regelfall – anders als für Männer – den Verzicht auf eine Familie und nicht jede ist dazu bereit.“

Zweitens werde oft „nach Ähnlichkeit“ gefördert. „Männer unterstützen Männer. Und das meine ich jetzt überhaupt nicht böse. Auch Frauen unterstützen Frauen.“ Aber genau dieses Prinzip erschwere den Aufstieg von Frauen in einer Männer-Domäne wie der Wissenschaft. „Und deswegen gibt es unser Büro.“

„Für echte Gleichstellung brauchen wir mehr Dienstleistungen.“

Könnte eine Frauenquote da nicht auch Abhilfe schaffen? Wolde wiegt mit dem Kopf. „Eine Quote als Einzelmaßnahme ist nicht ausreichend.“ Aber eine Quote könne „Prozesse beschleunigen“ und gerade „bei knappen Personalentscheidungen das Zünglein an der Waage“ sein. „Wer aber echte Gleichstellung will, muss ein Gesamtpaket schnüren.“ Dazu gehörten dann alle Dienstleistungen, die das Gleichstellungsbüro jetzt schon bietet: Vom Dual-Career-Service bis zur Familienberatung.

Wolde ist sich zudem sicher, dass über eine Quote nicht nur exzellente Frauen gefördert würden, sondern auch viel Mittelmaß. „Aber das sehe ich überhaupt nicht kritisch. Heute sind so viele mittelmäßige Männer in Führungspositionen. Da ist es nur gerecht, wenn auch ein paar mittelmäßige Frauen dorthin aufrutschen.“ Sie blickt ernst. Dann zwinkert sie.

Erschienene im Schekker – Das Jugendmagazin der Bundesregierung, Ausgabe: Menschen | 2011 | April | Jungen und Mädchen (Nr. 91). Quelle: http://www.schekker.de/content/berufsweg-geschlechter-gerechtigkeit-%E2%80%93-eine-frauenbeauftragte-erz%C3%A4hlt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: