Steht Lasse Becker nackt da?

Für die aktuelle Ausgabe unseres Mitgliedermagazins jung+liberal habe ich einen Artikel über Facebook, Privatsphäre und uns JuLis geschrieben, der im Verband eine Menge Resonanz erzeugt hat. Den Artikel im Magazin findet ihr hier und hier:

Steht Lasse Becker nackt da?

Was wir JuLis bei Facebook und im echten Leben treiben, können Millionen andere Nutzer online nachlesen. Auch unser Bundesvorsitzender Lasse Becker geht wenig sorgsam mit seiner Privatsphäre um. Das ist ein echtes Glaubwürdigkeitsproblem.

Von Julian Kirchherr

Antje Graf hat Lasse Becker noch nie getroffen. Und auch mit uns JuLis eigentlich nichts zu tun. Ende Dezember war sie trotzdem für ein paar Tage mit unserem Bundesvorsitzeden befreundet. Sie hat ihn einfach hinzugefügt und er hat ihre Anfrage einfach angenommen. Antje war ein Kumpel unter 2096 Kumpeln, die Lasse derzeit bei Facebook hat.

Hätte Antje gewollt, hätte sie in diesen Tagen ein detailliertes Bewegungsprofil von unserem Bundesvorsitzenden zeichnen können: Silvester hat Lasse mit Freunden in Berlin verbracht. Am 29. Dezember war er in Willingen Skilaufen. Tags zuvor hat er noch in Göttingen gearbeitet. Am 23. Dezember war er in Kassel, am 22. Dezember hat er Kommunalpolitik in Vellmar gemacht. Am 20. Dezember hat er sich mit einer alten Klassenkameradin in Hamburg getroffen.

Privatsphäre und Datenschutz sind Kernthemen unserer Jugendorganisation. Aber wenn es um unser eigenes Privatleben geht, plappern wir wild drauflos. Für manche Mitglieder ist kein Erlebnis zu peinlich oder belanglos, als dass es nicht doch bei Facebook gepostet werden könnte.

Beret hat sich einen Lipgloss gekauft, der nach Kinderzahnpasta schmeckt

Irgendein Typ hat Christina Meyer, 536 Freunde und Chefin der JuLis Bremen, am 19. Januar vor einer Kneipe angegraben. Fand sie aber charmant. Alexander Plahr, 1338 Freunde und Chef des europäischen JuLi-Dachverbands LYMEC, hat am 9. Januar seine Großmutter nach Hause gebracht und ist erst weit nach Mitternacht ins Bett gegangen. Und Beret Roots, 742 Freunde und Mitglied im Bundesvorstand der Jungen Liberalen, hat sich am 4. Januar einen neuen Lipgloss gekauft, der nach Kinderzahnpasta mit Erdbeere schmeckt.

Und was hast du in letzter Zeit so getrieben?

Das Halbe-Milliarde-Menschen Netzwerk Facebook schubst und stößt seine Nutzer mit immer neuen Datenschutzregelungen geradezu in die Öffentlichkeit. Privatsphäre, sagt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, sei nur eine „überkommene Konvention“. Und er liegt richtig, wenn wir uns die Profile unseres Verbands im Internet anschauen.

Ist die Privatsphäre tot?

Zugegeben: Online-Privatsphäre-Einstellungen sind das neue Videorecorder-Programmieren. Kompliziert, verworren, scheinbar undurchdringbar. Und natürlich nervt es, bei jeder Freundschaftanfrage zu checken, wie man wirklich zum potentiellen neuen Kumpel steht. Schließlich gilt: Viele Freunde nützen gerade in politischen Jugendorganisationen. Die neuen sozialen Medien sind hier längst zu einem wichtigen Selbstmarketing-Instrument geworden.

Aber wer Datenschutz predigt, muss aufpassen. Forderungen nach restriktiver Vorratsdatenspeicherung können wir JuLis uns sparen, wenn wir ohnehin freiwillig unser ganzes Lebens ins Netz stellen. Warum sollte der Staat nicht Bewegungsprofile von jedem Bürger anlegen können, wenn wir Bürger scheinbar ohnehin kein Datenschutzbedürfnis mehr haben?

Wer 500 Freunde bei Facebook hat, wird permanent beobachtet. Und wer bei 1000 Freunden seinen Status aktualisiert, der postet nicht, sondern publiziert. Facebook war in seinen Anfängen ein elitärer Zirkel von Ivy-League-Studierenden. Heute ist es ein öffentlicher Marktplatz.

Und klar ist: Das Auftreten unserer Jugendorganisation auf diesem öffentlichen Marktplatz steht in einem krassen Kontrast zu jeder unserer Pressemitteilungen zu Privatsphäre und Datenschutz. Wer CSU-Politikerin ist, sollte keine zwei Ehemänner haben. Wer bei Greenpeace arbeitet, sollte keinen Hummer fahren. Und wer liberal ist, sollte sich seine Freunde sorgsam aussuchen. Gerade bei Facebook.

Julian Kirchherr (21) ist Mitglied im Bundesvorstand der Jungen Liberalen.

Kommentiert hat den Artikel u. a. Daniel Braun in seinem sehr lesenswerten Blog genau hier.

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3 Responses to Steht Lasse Becker nackt da?

  1. […] der Jung & Liberal (dem Mitgliedermagazin der JuLis) ist in der Ausgabe 01/2011 ein Artikel mit der plakative Überschrift “Steht Lasse Becker nackt da?” zu finden, hier mein Kommentar zu diesem sehr interessanten und sehr gut geschriebenen […]

  2. Lieber Julian,

    Du übersiehst leider einen entscheidenden Punkt: Die Freiwilligkeit. Freiwilligkeit ist in einer liberalen Gesellschaft ein entscheidender Punkt. Laß‘ es mich Dir an einem Beispiel verdeutlichen:

    Wir sind uns ja vermutlich einig, daß zwischen Vergewaltigung und einvernehmlichen Sex ein gewaltiger Unterschied liegt. Und worin liegt der? Genau, in der Freiwilligkeit des Handels.

    Genauso im Fall des Datenschutzes: Freiwilligkeit macht den Unterschied zwischen einem erzwungenem Eingriff in die Privatsphäre und dem bewußten Publizieren.

    Genauso wenig wie das absolute Ablehnen von erzwungenen Sexualhandlungen auch bei einem promiskuitiven Leben unglaubwürdig wäre, verliert auch die Forderung nach der Freiwilligkeit von Datenherausgabe (Datenschutz) bei Nutzung von Facebook seine Glaubwürdigkeit.

    Oder anders gesagt: Abwesenheit von Zwang und so. Das Hayek-Ding. Solltest Du eigentlich kennen.

  3. Lieber Alex,

    klassisches Argument, das du anbringst – und das an dieser Stelle nicht zieht. Denn hier geht es nicht um Freiwilligkeit, sondern um Fahrlaessigkeit. Ein grosser Unterschied.

    Freiwilligkeit impliziert bewusste und durchdachte Entscheidungen. Fahrlaessigkeit ist wildes Drauflosplappern ohne ueber den Kontext nachzudenken. Und genau das passiert ja bei Facebook. Niemand bekennt sich bewusst zum Ende seiner eigenen Privatsphaere (was ja absolut legitim waere als bewusste Entscheidung), sondern jeder predigt auf der einen Seite den Datenschutz, und achtet aber auf der anderen Seite nicht darauf, wen er bei Facebook hinzufuegt und was er dort freigibt. Das ist das Glaubwuerdigkeitsproblem.

    Bestes Beispiel: Lasse nimmt die Freundschaftseinladung irgendeiner wildfremden Person an (Antje Graf) und schaltet ihr alle seine Bilder frei. Ist das eine rationale Entscheidung? Nein. Das ist Unachtsamkeit und Fahrlaessigkeit. Lasse sagt ja im Interview eine Seite spaeter, dass ihm beim Hinzufuegen manchmal Leute durchgehen.

    Ziel des Artikels also: Bewussterer Umgang mit den Daten, die ich freigebe oder nicht freigebe.

    Viele Gruesse
    Julian

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