Die Strukturen sind egal – wirklich?

Über die Vorteile eines vielfältigen Bildungswesens

> Konstantin Kuhle, Julian Kirchherr, Christoph Blödner, Jens Brandenburg

In internationalen Studien wird dem deutschen Bildungssystem regelmäßig bescheinigt, nirgendwo sonst entscheide die soziale Herkunft so sehr über den Bildungsweg wie hierzulande. Zusätzlich bestehen massive Probleme bei der Integration von Kindern, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. Durch den rot-grünen Koalitionsvertrag in NRW und den Hamburger Volksentscheid über die Primarschule hat die in Deutschland am heißesten geführte bildungspolitische Debatte neuen Auftrieb erlangt: Die Frage, ob längeres gemeinsames Lernen zu mehr Chancengerechtigkeit und damit zu einem besseren Bildungssystem führt als das gegliederte Schulsystem.

Die Antwort auf diese Frage wird nur allzu gerne pauschal gegeben. Der Weisheit letzter Schluss soll entweder im tradierten System mit einer frühen Trennung der Schüler, etwa nach der vierten Klasse, oder aber in der flächendeckenden Einführung der Gesamtschule liegen. Diese Ansätze sind jedoch nicht nur kurzsichtig und ideologisch aufgeladen. Sie verkennen auch die Vorteile des jeweils anderen Systems: Die Grundidee der Gesamtschule, alle Kinder mit unterschiedlich ausgestalteten Instrumenten zur Binnendifferenzierung unter einem Dach zu unterrichten, fördert die sozialen Kompetenzen der Schüler und sensibilisiert sie für das Miteinander mit Menschen, die einen anderen familiären Hintergrund haben. Das gegliederte System erlaubt eine gezielte Förderung der besonders Talentierten und Begabten im Gymnasium und ermöglicht es gleichzeitig an Real- und Hauptschulen die Berufsorientierung in den Mittelpunkt zu stellen. Gesamtschulen sind mithin kein linkes Teufelswerk, sondern können zu gesellschaftlich ebenso wertvollen Ergebnissen führen, wie das gegliederte Schulsystem.

Weder das sture Festhalten am gegliederten Schulsystem, noch die flächendeckende Einführung der Gesamtschule werden jedoch ohne weitere Veränderungen am Bildungssystem zu mehr Chancengerechtigkeit führen. Wichtiger sind ein massiver qualitativer und quantitativer Ausbau der frühkindlichen Bildung und eine bessere, praxisorientierte Lehrerausbildung. Dazu kommen kleinere Klassen und eine verstärkte Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen mit möglichst individueller Förderung.

Ein Nebeneinander verschiedener Schulstrukturen ist bereits heute in  vielen Bundesländern Realität. Dies gilt vor allem für Gebiete, in denen der demografische Wandel ein Nachdenken über die Schulstruktur unausweichlich macht. Überall dort, wo Eltern und Kinder die Auswahl zwischen verschiedenen Schulformen haben, findet der beschriebene Wettbewerb bereits heute statt. Ob alleine die Schulstruktur die gesellschaftliche Durchlässigkeit verbessert, ist somit nur dann messbar, wenn eines der Systeme wirklich flächendeckend eingeführt wird. Eine vielfältige Schullandschaft hingegen entspricht dem liberalen Wettbewerbsgedanken: Verschiedene Strukturen werden mit ihrem Angebot um Eltern und Kinder werben. Der Staat setzt den Rahmen und lässt diejenigen, welche direkt von den Strukturen betroffen sind, die Entscheidung selber fällen. Die Glaubensfrage, ob längeres gemeinsames Lernen zu mehr Chancengerechtigkeit führt, kann dann jeder für sich selber beantworten.

Die Zweitrangigkeit der Strukturen wird von der FDP im bildungspolitischen Diskurs zwar regelmäßig vorgetragen. Die gleichzeitige Hetzerei gegen die „Einheitsschule“ macht diese Position jedoch unglaubwürdig. Mit dem Weg zugunsten von mehr Freiheit an den Bildungseinrichtungen vor Ort und echtem Wettbewerb zwischen verschiedenen Institutionen haben die Liberalen die einmalige Chance sich zwischen rot-grüner Gleichmacherei und dem antiquierten Gesellschaftsbild der Konservativen mit einer eigenen Position des bildungspolitischen Pragmatismus zu etablieren.

Erschienen in: jung + liberal (3 | 10) – Heft der Revolutionäre, Download hier!

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