Den Letzten beißen die Hunde

Dr. Theodor Seegers arbeitet als Experte für Agrarmärkte im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Mit Schekker spricht er über Milchquoten, Subventionen, neuseeländische Massentierhaltung und Bilderbuch-Bauernhöfe im Schwarzwald.

Schekker: Herr Seegers, wer Agrarpolitik hört, der denkt sofort an wütende Bauern, die ihre Milch auf die Felder oder in den Abfluss schütten. Warum ist das so?

Dr. Seegers: Die Bauern haben Angst um ihre Existenz. Mit einem Liter Milch konnte ein Landwirt im vergangenen Jahr nur weniger als 25 Cent Umsatz erzielen. Das bedeutet faktisch ein Minusgeschäft bei jedem verkauften Liter. Und so kommt es zu solch drastischen Protesten. Aktuell sind die Preise aber wieder angestiegen.

Und warum war der Milchpreis so niedrig?

Das hat verschiedene Gründe. Zunächst hatte der Melamin-Skandal in China gewisse Schockwellen ausgelöst (Anmerkung der Redaktion: In China hatten die Milchproduzenten ihrer Milch und ihrem Milchpulver die Chemikalie Melamin beigemischt. Mit der Chemikalie sollte ein höherer Proteingehalt vorgetäuscht werden, weil die Milch vorher mit Wasser gestreckt wurde).
Der wesentliche Grund war der Nachfragerückgang aufgrund der
Weltwirtschaftskrise, aber auch der nationalen Nachfrage wegen der zuvor sehr hohen Preise.

Herr mit Anzug
Herr Dr. Seegers beschäftigt sich seit
langem mit den Agrarmärkten
Deutschlands und Europas. Foto: privat

Unterstützen Sie die deutschen Bauern, damit sie wieder mehr verdienen?

Die Politik macht viel, um den Landwirten zu helfen. Im Schnitt erzielt ein Bauer heute etwa die Hälfte seines Gewinnes über staatliche Zuschüsse, so genannte Subventionen, für deren Gewährung es allerdings gute Gründe gibt.

Was heißt das?

Die Landwirte erbringen viele Leistungen für unsere Gesellschaft, für die es keinen Markt gibt. Sie haben zudem hohe Produktionsauflagen zu erfüllen. Durch die fortschreitende Globalisierung lastet auch ein zunehmender Anpassungssdruck auf den Bauern. Der wird durch Subventionen etwas gemindert. Aus der staatlichen Regulierung der Agrarmärkte wie in der Vergangenheit wird sich der Staat allerdings weiter zurückziehen. Das sieht der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), der die meisten Proteste organisiert, natürlich anders.

Was fordert der BDM?

Der BDM möchte ein System der Mengensteuerung in eigener Regie, wodurch das Milchangebot künstlich verknappt wird. Mit anderen Worten: Die Bauern sollen weit unterhalb ihrer Kapazitäten produzieren und dadurch stiege der Preis.

Und was werden Sie machen?

Das jetzige System der Mengensteuerung, das Milchquotensystem, wird im Jahre 2015 auslaufen. Der Vorschlag des BDM ware im übrigen Planwirtschaft. Das hat nie funktioniert und dafür gibt es in der EU auch keine politischen Mehrheiten. Wir sind dafür, dass sich Milchbauern vermehrt in Erzeugergemeinschaften zusammentun, um mit den Molkereien Verträge auszuhandeln. Das sogenannte Marktstrukturgesetz ermöglicht entsprechende Zusammenschlüsse. Die Milchbauern sind so in einer stärkeren Position.

„Auf die Agrar-Bremse!“

Warum sind Agrarsubventionen überhaupt eingeführt worden?

Das ist historisch bedingt. Nach dem zweiten Weltkrieg musste die Agrarwirtschaft schnell wieder aufgebaut werden, um den Kontinent mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Das hat auch sehr gut geklappt, nur ist es dann in den 80er Jahren verpasst worden, auf die Agrar-Bremse zu treten. Seit Anfang der 90er Jahre wird die Stützung aber zunehmend eingeschränkt.

Etwa vierzig Prozent des EU-Haushaltes werden für Agrarsubventionen aufgewendet. Was würde passieren, wenn dieser Posten einfach gestrichen würde?

Damit müssten viele Betriebe schließen. In Neuseeland zum Beispiel hat sich die Politik schon vor mehr als 20 Jahren zu diesem Schritt entschlossen und dort ist genau das passiert. Heute gibt es in Neuseeland weniger, dafür größere Betriebe als früher. Aber diese Betriebe sind auf der anderen Seite jetzt hoch effizient und auch international besonders schlagkräftig. Dieses Modell kann aber nicht einfach auf das dichtbesiedelte Mitteleuropa übertragen werden, die Verhältnisse sind hier anders.

„Bilderbuch-Bauernhöfe gibt’s nicht mehr“

Ohne Subventionen würde also der klassische Schwarzwald-Bauernhof aus dem Bilderbuch in Deutschland verschwinden?

Den gibt es heute schon nicht mehr. Die Betriebe sind zunehmend spezialisiert und es wird überall die neueste Technik eingesetzt, um mithalten zu können. Der Trend zur Rationalisierung ist unverkennbar. Aber ohne Subventionen für Landwirte würde sich in Deutschland noch deutlich mehr ändern.

Nämlich?

Die Bauern in Deutschland sind zum Beispiel auch für die Landschaftspflege sehr wichtig. Ohne Bewirtschaftung würde der Wald wieder vordringen. Das Grünland würde in Busch und Brennnesseln versinken. Und das ist nicht das gesellschaftliche Ziel. Tierschutz ist ein weiterer Punkt. So hohe Standards bei höheren Produktionskosten kann sich Deutschland nur leisten, weil die Bauern dafür einen Ausgleich bekommen.

Entwicklungspolitiker würden Agrarsubventionen ja auch gerne abschaffen. Erst schottet sich die EU mit hohen Zöllen von ausländischen Agrarprodukten ab und bezuschusst dann die Exporte heimischer Agrarprodukte auch in Entwicklungsländer, lautet die Argumentation. Was ist da dran?

Das stimmt so nicht. Schon heute können die am wenigsten entwickelten Länder ihre Agrarprodukte in die EU exportieren, ohne Zölle zu zahlen. Entwicklungspolitiker bringen gerne immer wieder die gleichen Horrorbeispiele, die so nicht mehr aktuell sind. Was dieses Thema angeht, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren eine Menge verbessert. Die EU zahlt heute nur noch einen Bruchteil jener Export-erstattungen, die seinerzeit gewährt wurden.

Machen die vielen Subventionen die Nahrungsmittel eigentlich auch für den Kunden im Supermarkt teurer?

Die Nahrungsmittelpreise sind in Deutschland verglichen mit europäischen Nachbarländern sehr günstig, denn der Wettbewerb gerade zwischen den Discountern ist groß. Aber das geht natürlich auch wieder auf Kosten unserer Landwirte. Wie heißt es doch? Den letzten beißen die Hunde.

Herr Seegers, vielen Dank für das Interview.

erschienen in: Schekker – Das Jugendmagazin der Bundesregierung, Wissen | 2010 | Januar | Land heute (Nr. 76), URL: http://www.schekker.de/content/den-letzten-bei%C3%9Fen-die-hunde

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