Die Strukturen sind egal – wirklich?

22. September 2010

Über die Vorteile eines vielfältigen Bildungswesens

> Konstantin Kuhle, Julian Kirchherr, Christoph Blödner, Jens Brandenburg

In internationalen Studien wird dem deutschen Bildungssystem regelmäßig bescheinigt, nirgendwo sonst entscheide die soziale Herkunft so sehr über den Bildungsweg wie hierzulande. Zusätzlich bestehen massive Probleme bei der Integration von Kindern, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. Durch den rot-grünen Koalitionsvertrag in NRW und den Hamburger Volksentscheid über die Primarschule hat die in Deutschland am heißesten geführte bildungspolitische Debatte neuen Auftrieb erlangt: Die Frage, ob längeres gemeinsames Lernen zu mehr Chancengerechtigkeit und damit zu einem besseren Bildungssystem führt als das gegliederte Schulsystem.

Die Antwort auf diese Frage wird nur allzu gerne pauschal gegeben. Der Weisheit letzter Schluss soll entweder im tradierten System mit einer frühen Trennung der Schüler, etwa nach der vierten Klasse, oder aber in der flächendeckenden Einführung der Gesamtschule liegen. Diese Ansätze sind jedoch nicht nur kurzsichtig und ideologisch aufgeladen. Sie verkennen auch die Vorteile des jeweils anderen Systems: Die Grundidee der Gesamtschule, alle Kinder mit unterschiedlich ausgestalteten Instrumenten zur Binnendifferenzierung unter einem Dach zu unterrichten, fördert die sozialen Kompetenzen der Schüler und sensibilisiert sie für das Miteinander mit Menschen, die einen anderen familiären Hintergrund haben. Das gegliederte System erlaubt eine gezielte Förderung der besonders Talentierten und Begabten im Gymnasium und ermöglicht es gleichzeitig an Real- und Hauptschulen die Berufsorientierung in den Mittelpunkt zu stellen. Gesamtschulen sind mithin kein linkes Teufelswerk, sondern können zu gesellschaftlich ebenso wertvollen Ergebnissen führen, wie das gegliederte Schulsystem.

Weder das sture Festhalten am gegliederten Schulsystem, noch die flächendeckende Einführung der Gesamtschule werden jedoch ohne weitere Veränderungen am Bildungssystem zu mehr Chancengerechtigkeit führen. Wichtiger sind ein massiver qualitativer und quantitativer Ausbau der frühkindlichen Bildung und eine bessere, praxisorientierte Lehrerausbildung. Dazu kommen kleinere Klassen und eine verstärkte Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen mit möglichst individueller Förderung.

Ein Nebeneinander verschiedener Schulstrukturen ist bereits heute in  vielen Bundesländern Realität. Dies gilt vor allem für Gebiete, in denen der demografische Wandel ein Nachdenken über die Schulstruktur unausweichlich macht. Überall dort, wo Eltern und Kinder die Auswahl zwischen verschiedenen Schulformen haben, findet der beschriebene Wettbewerb bereits heute statt. Ob alleine die Schulstruktur die gesellschaftliche Durchlässigkeit verbessert, ist somit nur dann messbar, wenn eines der Systeme wirklich flächendeckend eingeführt wird. Eine vielfältige Schullandschaft hingegen entspricht dem liberalen Wettbewerbsgedanken: Verschiedene Strukturen werden mit ihrem Angebot um Eltern und Kinder werben. Der Staat setzt den Rahmen und lässt diejenigen, welche direkt von den Strukturen betroffen sind, die Entscheidung selber fällen. Die Glaubensfrage, ob längeres gemeinsames Lernen zu mehr Chancengerechtigkeit führt, kann dann jeder für sich selber beantworten.

Die Zweitrangigkeit der Strukturen wird von der FDP im bildungspolitischen Diskurs zwar regelmäßig vorgetragen. Die gleichzeitige Hetzerei gegen die „Einheitsschule“ macht diese Position jedoch unglaubwürdig. Mit dem Weg zugunsten von mehr Freiheit an den Bildungseinrichtungen vor Ort und echtem Wettbewerb zwischen verschiedenen Institutionen haben die Liberalen die einmalige Chance sich zwischen rot-grüner Gleichmacherei und dem antiquierten Gesellschaftsbild der Konservativen mit einer eigenen Position des bildungspolitischen Pragmatismus zu etablieren.

Erschienen in: jung + liberal (3 | 10) – Heft der Revolutionäre, Download hier!


Live-Berichte vom Bundesparteitag

24. April 2010

Hier und auf julis.de blogge ich über den FDP-Bundespareitag:

Christian Lindner ist Generalsekretär!

„Danke für diesen großen Vertrauensvorschuss!“ Sichtlich bewegt nahm Christian Lindner heute Nachmittag die Wahl zum FDP-Generalsekretär an. Mit furiosen 95,6 Prozent der Stimmen wählten die Delegierten den 30-jährigen Jungliberalen ins neue Amt. In seiner Antrittsrede versprach Lindner, dass die FDP in der Bundesregierung die soziale Marktwirtschaft erneuern werde und schlug gleichzeitig auch selbstkritische Töne an.

„Wir brauchen eine neue Balance zwischen Markt und Staat“, sagte Lindner in seiner begeisternden Antrittsrede. Der Staat sei schwach als Ordnungskraft der Wirtschaft und schwach als Garant von Bildungschancen. Die Politik verzettele sich zu oft in Subventionen (Fotos zur Aktion der JuLis gegen die Steinkohlesubventionierung: http://tinyurl.com/35235kq) und einzelnen Lenkungsmaßnahmen. „Die FDP ist nicht gegen den Staat, aber die FDP ist gegen einen bevormundenden, dirigierenden Staat. Wir brauchen einen Staat, der nicht mehr das Sozialstaatsprinzip gegen das Leistungsprinzip ausspielt, wir brauchen einen Staat, der auf dem Leistungsprinzip aufbaut und seinen Bürgern etwas zutraut, “ rief Lindner. „Die Debatte um den Wohlfahrtstaat ist dringend erforderlich!“

In der Bundesregierung müsse die FDP „Korrektiv, Kompass und Motor der CDU“ sein. Der Start in die Koalition sei zwar etwas holprig gewesen, aber die FDP werde das halten, was sie im Wahlkampf versprochen habe. „Wir haben 35 Milliarden Euro an Steuerentlastungen versprochen.  Und wir haben im Koalitionsvertrag 24 Milliarden Euro an Steuerentlastungen durchgesetzt. Und diese Steuerentlastung wird es in dieser Höhe in dieser Legislaturperiode auch geben, “ versprach Lindner.  Gerade vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise könne den kleinen und mittleren Unternehmen mit einer solchen Politik unter die Arme gegriffen werden. Auch zentrale Vereinfachungen im Steuerrecht würden weiterhin angestrebt. „Ein Steuerrecht, das noch nicht einmal mehr die Finanzbehörden verstehen, hat seine Legitimation verloren.“

„Die Pläne der FDP liegen auf dem Tisch“, verwies Lindner auf den steuer- und finanzpolitischen Leitantrag des Bundesparteitags. Finanzminister Wolfgang Schäuble hingegen beziehe noch immer nicht klar Stellung und spiele den „Finanzphilosophen“.

Christian Lindner

Klare Worte fand Christian Lindner auch zur SPD: „Ich habe sechs Wochen Sigmar Gabriel protokolliert. Hören Sie zu: Brandstifter und Sozialbetrüger. Asoziale und radikale Partei. Propagandazentrale der Atomlobby. BWL-Yuppies und Helfers-Helfer der Taliban. Schizophren und verfassungsfeindlich. Das sagt Sigmar Gabriel zur FDP. Dieser Mann hat sich nicht unter Kontrolle und deshalb darf dieser Mann niemals Kontrolle über diesen Staat erhalten!“

Für seine Antrittsrede gab es minutenlange, stehende Ovationen. Christian Lindner ist seit 1995 Mitglied der FDP. Von 2000 bis 2009 war er Mitglied im NRW-Landtag. Seit 2009 gehört der dem Deutschen Bundestag an. Bei den Jungen Liberalen war Lindner Vorsitzender der Liberalen Schüler NRW sowie Mitglied im Landesvorstand der Jungen Liberalen NRW.

“Herr Schäuble, fangen Sie mit Ihrer Arbeit an!”

Los geht’s! Seit rund einer Stunde läuft der FDP-Bundesparteitag in Köln. Auftaktredner, FDP-Vize und stellvertretender NRW-Ministerpräsident Prof. Dr. Andreas Pinkwart stimmte in seiner Rede die Delegierten auf den Kongress ein und ging außerdem auf die anstehende Landtagswahl in NRW ein. „Die FDP hat Nordrhein-Westfalen vom Absteigerland zum Aufsteigerland gemacht,“ sagte Pinkwart.

So wirbt Prof. Dr. Pinkwart in ganz NRW für die FDP

Pinkwart erinnerte daran, dass auch vor der letzten NRW-Landtagswahl die Liberalen in Köln zum Bundesparteitag zusammen gekommen seien. „Das ist ein gutes Omen.“ Die nordrhein-westfälische FDP werde den Schwung dieses Kongresses mit in den Wahlkampf nehmen.

Die schwarz-gelbe Koalition in NRW habe gezeigt, dass die FDP für eine strikte Haushaltskonsolidierung stehe. Das gehe auch auf Bundeseben. „Herr Schäuble, fangen Sie endlich mit Ihrer Arbeit an!“ rief Pinkwart unter lautem Applaus der Delegierten. Aber nicht nur eine sparsame Haushaltsführung müsse wieder auf die politische Agenda : „Investieren, konsolidieren, entlasten – das ist der Dreiklang der FDP,” sagte Pinkwart.

Bei der NRW-Wahl stehe die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat auf dem Spiel. „Das ist eine Richtungswahl. Es geht um unsere Fortführung unserer Reformpolitik.“ Zu möglichen Koalitionen nach der Landtagswahl sagte Pinkwart: “Die nordrhein-westfälischen Grünen werden niemals mit der CDU koalieren, sondern warten nur auf ein Linksbündnis. Das müssen wir am 9. Mai verhindern!“


JuLis mit Steinkohle-Aktion auf dem FDP-Bundesparteitag

24. April 2010
Mehr Kohle für Bildung!

Mehr Kohle für Bildung!

JuLis mit MdEP Silvana Koch-Mehrin auf dem FDP-Bundesparteitag

Alle Bilder zur Aktion gibt es hier: http://tinyurl.com/35235kq


FDP stärkt Städten und Gemeinden den Rücken

25. Februar 2010

KREIS SOEST, 25.02.2010. Zur Verabschiedung des Kreishaushaltes und der Erhöhung der Kreisumlage um 1,6 Prozentpunkte erklärte der Kreistagsabgeordnete Julian Kirchherr für die FDP-Kreistagsfraktion in seiner Haushaltsrede:

„Der Kreis weiß, dass er seine Existenzberechtigung aus den Städten und Gemeinden ableitet. Die Städte und Gemeinden sind das Herzstück unserer Demokratie. Dass der Kreistag heute den Vorschlag der Bürgermeisterkonferenz, die Kreisumlage um 3 Prozentpunkte zu erhöhen, noch um 1,4 Prozentpunkte unterbietet, zeigt, dass wir die Zusammenarbeit wollen.“

Kirchherr mahnte an, den Dialog zwischen Bürgermeistern und Landrätin nicht abreißen zu lassen: „Wir müssen eine Kultur der Kooperation entwickeln. Die kommunale Familie muss in diesen schwierigen Zeiten zusammenstehen.“

Das sei besonders wichtig für das Funktionieren der interkommunalen Zusammenarbeit. „Mit diesem Thema müssen wir uns im nächsten Jahr verstärkt auseinander setzen. Gemeinsame Bürgerbüros, interkommunale Finanzcenter, zentrale Servicestellen für Verwaltungspersonal oder einheitliche Nutzung von IT-Plattformen, all das kann den kommunalen Ebenen viel Geld sparen, “ so Kirchherr.

Damit verbunden sei auch eine Aufgabenkritik. „Was soll der Kreis tatsächlich leisten? Diese Frage müssen wir immer wieder stellen, “ so Kirchherr. Für die FDP-Fraktion forderte Kirchherr außerdem, die Kreis-Wirtschaftsförderung langfristig als Gemeinschaftseinrichtung aller 14 Städte und Gemeinden zu sehen.

Mit Blick auf die Bundesebene kritisierte Kirchherr die permanente Verletzung des Konnexitätsprinzips und sagte: „Wir plädieren an die Bundesregierung, endlich die Gemeindefinanzen anzupacken. Eine umfassende Gemeindefinanzreform, das wäre das wahre Wachstumsbeschleunigungsgesetz für Deutschland!“

Für die 14 Städte und Gemeinden forderte Kirchherr den Einsatz von Public-Management-Consulting-Agenturen. Damit habe der Kreistag gute Erfahrungen gesammelt. „Wer allerdings eine Unternehmensberatung heranzieht, um schmerzhafte Einschnitt zu planen, muss die Öffentlichkeit und die Politik als Kontrollinstanzen beteiligen.“

Nach der Kreistagssitzung ergänzte der FDP-Kreistagsfraktionsvorsitzende Wilhelm Reinecke: „FDP, CDU und SPD haben heute mit breiter Mehrheit einen fairen und verantwortungsvollen Haushalt beschlossen, mit dem wir einen großen Schritt auf die Städte und Gemeinden zugehen. Ein Armutszeugnis hingegen ist die Position von BG, Linken und Grünen. Wer tatsächlich eine höhere Kreisumlage fordert, vergeht sich an unseren Städten und Gemeinden. Dass sollten die Bürgerinnen und Bürger im Hinterkopf behalten.“


Haushaltsrede/FDP-Kreistagsfraktion/Haushalt 2010

25. Februar 2010

Sehr geehrter Kolleginnen und Kollegen, liebe Landrätin Eva Irrgang, sehr geehrte Vertreter der Presse und liebe – noch verbliebene – Zuschauerinnen und Zuschauer,

zunächst einmal will mich herzlich bei meiner FDP-Kreistagsfraktion bedanken für das Vertrauen, was mir entgegen gebracht wird. Es ist eine große Ehre und eine große Aufgabe für Sie hier die Haushaltsrede halten zu dürfen. Und ich hoffe, Herr Reinecke, Sie werden diese Entscheidung nicht bereuen, wenn ich in 12 Minuten diese Rede gehalten haben werde.

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit will ich nur die wesentlichen Überlegungen der FDP-Kreistagsfraktion zum vorliegenden Haushalt vortragen.

Ausgangs- und Endpunkt all unserer Diskussionen hat dabei eine Zahl gebildet: 1,6. Um 1,6 Prozentpunkte wird die Kreisumlage nun nach dem Willen der Mehrheit in diesem Jahr angehoben werden. Und so unterschiedlich doch die Meinungen in diesem Gremium zu dieser Zahl sind, bin ich mir sicher, dass Sie mir zumindest in einer Aussage alle zustimmen werden: Diese Zahl ist bemerkenswert. Bemerkenswert, weil Kreis-Kämmerer Cortner in der Kreistagssitzung am 17. Dezember 2009 noch eine Erhöhung der Kreisumlage um 5,21 Prozentpunkte vorschlug. Bemerkenswert, weil die Bürgermeisterkonferenz selbst für eine Erhöhung der Kreisumlage um 3 Prozentpunkte plädierte. Und bemerkenswert, weil wir nun diesen Vorschlag eben noch um 1,4 Prozentpunkte unterbieten.

Sehr geehrter Herr Kremer, Sie habe in Ihrer Rede gerade vorgetragen, der Kreis schlage damit die falsche Richtung ein. Wir Liberale sind da völlig anderer Auffassung. Die Mehrheit im Kreistag schlägt damit die richtige Richtung ein. Denn diese Zahl zeigt: Der Kreis tut alles für seine Städte und Gemeinden. Der Kreis weiß, dass er sein Existenzrecht aus den Städten und Gemeinden ableitet und wir alle zeigen damit, dass wir das Rücksichtsnahmegebot verinnerlich haben.

Und dennoch wissen wir alle: Viele Städte und Gemeinden sind mit dem Haushalt, wie er heute vorliegt, nicht zufrieden. „Bürgermeister auf den Barrikaden“ titelte in der vergangenen Woche die Lokalpresse. Wir alle haben den Brandbrief der Bürgermeister in den vergangenen Tagen erhalten. Wenn ich an die vergangen Woche zurückdenke, ist mir ein Satz in besonderer Erinnerung geblieben: „Die Kreistagsabgeordneten vergessen, wo sie herkommen, sobald sie über die Stadtgrenzen hinaus sind.“ Das zeigt: Die Beziehungen zwischen unserem Kreis und den Städten und Gemeinden sind angespannt, manchmal sogar zerrüttet.

Die Bürgermeister erkennen an, dass wir als Kreistagsmitglieder mit der geringstmöglichen Anhebung der Kreisumlage ein großes Opfer leisten und unsere eigene Ausgleichsrücklage aufzehren. Aber dennoch werden wir kritisiert, dass wir nicht alle Möglichkeiten des Neuen Kommunalen Finanzmanagements ausnutzen würden.

In manchen Punkten gehen hier die Bürgermeister aus Sicht der FPD zu weit. Herr Reen hat das gerade für die CDU bereits ausführlich dargelegt, so dass ich nur noch auf einen Punkt eingehen will und zwar die Wertberichtigungen der RWE-Aktien.

Eine Wertberichtigung der RWE-Aktien ist unabdingbar. Die Wertberichtigungen sind vorzunehmen, damit der Kreistag über die realen Werte informiert ist. Hier ist der Verweis der Bürgermeister auf die Nicht-Erforderlichkeit unsinnig.

In anderen Punkten allerdings teilt die FDP die Kritik der Bürgermeister allerdings: Ich erinnere an die ursprüngliche Beschlussvorlage 45/2010. Wir sind froh, dass der Punkt 3 mittlerweile entschärft worden ist. Das war eine Provokation an die Städte und Gemeinden. Und ich will nicht verhehlen, dass einige in unserer FDP-Fraktion auf den Punkt 4 der aktuellen Beschlussvorlage nur mit Schmerzen im Bauch mittragen werden. Das müsste jetzt noch nicht festgelegt werden.

Der Dialog zwischen Städten, Gemeinden und dem Kreis darf nicht abreißen. Die kommunale Familie muss in diesen Zeiten zusammenhalten und zusammenstehen.

Letztlich läuft die Position der Städte und Gemeinden darauf hinaus, dass beim massiv überschuldeten Bund, Land und untersten kommunalen Ebene, der Kreis keine Ausnahme bilden dürfe. Vereinzelt ist sogar zu hören, dass Kreis ins HSK sollte.

Die Frage ist: Ist das ein legitimer Vorschlag? Unsere Auffassung nach ist das nicht der Fall: Letztlich nützt es niemanden, wenn auch die Kreis-Ebene in die massive Überschuldung und Handlungsunfähigkeit abgleitet. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass der Kreis eine fast reine Verwaltungsebene ist, und das Verschieben der Schulden zwischen der öffentlichen Hand niemanden weiterbringt.

Viel wichtiger ist, dass wir uns einer Aufgabenkritik stellen.  Wo können Kreis und Kommunen zusammenarbeiten und gemeinsam Geld einsparen? Das müssen wir gemeinsam diskutieren: Was sind die Kernaufgaben des Kreises?

Was in der wissenschaftlichen Literatur unter dem Schlagwort „shared services“ firmiert – gemeinsame Bürgerbüros, interkommunale Finanzcenter oder zentrale Servicestellen für Verwaltungspersonal oder einheitliche Nutzung von IT-Plattformen – kann aber nur funktionieren, wenn wir im Dialog bleiben und eine Kultur der Kooperation pflegen. Das ist heute nicht der Fall.

In diesem Zusammenhang will ich auch noch einige Worte zur neu gegründeten Wirtschaftsförderung sagen, deren Aufsichtsrat dringend einzurichten ist.  Wir alle setzen große Hoffnungen in Volker Ruff und ich bin mir sicher, dass er unsere Erwartungen voll und ganz erfüllen wird. Wichtig ist nun, dass die Berührungsängste der Städte und Gemeinden mit der wfg noch weiter abgebaut werden. Auch die Aufsichtsräte in Werl, Lippstadt, und Soest müssen die überwölbenden Aufgaben der wfg erkennen, um Doppelstrukturen zu vermeiden und mögliche Synergien auszuloten. Hier wäre es sinnvoll, Wirtschaftsförderer Ruff in die einzelnen Aufsichtsräte zum Vortrag zu laden.

Wir müssen die Arbeit der Wirtschaftsförderung vorsichtig und mit Bedacht anlaufen lassen und dürfen nicht frühzeitig Vertrauen verspielen. Ich will hier nur einen Punkt aufgreifen und zwar das neue, ungewöhnliche Modell der Wirtschaftsförderung, was nun in Rüthen begonnen wird. Kurz zum Hintergrund: Zwei Gemeinden und der Kreis teilen sich dort nun einen Wirtschaftsförderer. Die Idee ist innovativ und zukunftsweisend, hat aber einen Konstruktionsfehler: Der Wirtschaftsförderer arbeitet zu 20% für den Kreis, aber der Kreis trägt 50% der Kosten. Das ist eine unzulässige Subventionierung der Wirtschaftsförderung Rüthens auf Kosten anderer Städte und Gemeinden. Von solchen Modellen sollten wir schnell abkommen, wenn wir Vertrauen schaffen wollen.

Die Kreis-Wirtschaftsförderung insgesamt ist ein Weg dahin, dass wir uns als Region verstehen und die interkommunale Zusammenarbeit weiter fördern. Die Unneraner Wirtschaftsförderung – eine Gemeinschaftseinrichtung der zehn Städte und Gemeinden in Unna – kann dabei Leitbild auch für unseren Kreis sein.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Wirtschafts- und Finanzkrise hat zu einem beispiellosen Einbruch unserer Einnahmen bei gleichzeitiger Explosion unserer Ausgaben geführt. Allein die Gewerbesteuer ist im Jahre 2009 um durchschnittliche 20 Prozent gesunken. Parallel dazu sind mehr als 90 Prozent der Aufgaben, die wir erfüllen, Pflichtaufgaben.

Und die Aufgaben mehren sich von Tag zu Tag, ohne dass die Kommunen dafür mit entsprechenden Geldern ausgestattet würden: Herr Reen hat dazu bereits einige Beispiele angeführt, ich will nur zwei weitere nennen: Der Rechtsanspruch auf Krippenplätze etwa, für den letztlich wieder die Städte und Gemeinden aufkommen müssen. Aber auch die Einführung von Ganztagsschulen und die damit verbundene Bereitstellung von Mittagessen, die vielleicht politisch gewollt und auch sinnvoll sein mag, aber wo auf Landesebene einmal wieder bestellt, aber nicht gezahlt worden ist.

Das Konnexitätsprinzip funktioniert leider nur in der Theorie. Die Gemeindefinanzierung in Nordrhein-Westfalen ist einer grundlegenden Überarbeitung zu unterziehen. Gerade der Kreis Soest wird von den Ausgaben im Sozialbereich erdrückt.

Ich will nur noch ein weiteres Beispiel zur Verletzung des Konnexitätsprinzip nennen: Die Stadt Werl etwa würde, auch wenn alle freiwilligen Ausgaben gestrichen würden, auch wenn all das gestrichen würde, was eine Stadt lebenswert macht, vom Schwimmbad bis zum Museum, immer noch ein jährliches Minus in Millionenhöhe machen. Solche Verhältnisse führen Kommunalpolitik ad absurdum.

Nun haben viele in unserer Koalition große Hoffnungen auf die Bundesregierung gesetzt. Zugeben: Es werden immer weniger Hoffnungen auf diese Regierung gesetzt. Aber immerhin: Im Koalitionsvertrag ist eine Kommission festgeschrieben worden, die die Gewerbesteuer neu gestalten will, ja vielleicht sogar eine Gemeindefinanzreform auf den Weg bringen will.

Ich denke, ich spreche für die gesamte FDP-Fraktion, wenn ich sage: Uns liberalen Kommunalpolitikern wäre eine Gemeindefinanzreform lieber als weitere Steuersenkungen. Eine Gemeindefinanzreform, das wäre das wahre Wachstumsbeschleunigungsgesetz für Deutschland!

Wir Liberale wollen es uns aber auch nicht zu einfach machen, und alle Schuld nun wiederum auf höhere politische Ebenen schieben. Auch der Kreis selbst muss den Gürtel so eng wie möglich schnallen und wir sind überzeugt davon, dass das auch geschieht.

Nicht jedem hat es gepasst, dass die Beratungen durch M. Mutter Consulting mit knapp 300,000 Euro zu Buche geschlagen sind, Frau Kottmann-Fischer von den Grünen hat das gerade schon erwähnt. Aber die 68 erarbeiteten, oftmals schmerzhaften Fachkonzepte mit einem Einsparvolumen von rund 5,8 Millionen Euro sprechen für sich. Das eingesparte Geld wird sich auch in der Kreisumlage niederschlagen.

Wir Liberale würden begrüßen, wenn solche Public Management Consultants auch in unserem 14 Städten und Gemeinden Einsatz fänden. Aber Politik und Öffentlichkeit müssen auch bei solchen Beratungsunternehmen nach Möglichkeiten als Kontrollinstanz diese Prozesse begleiten. Letztlich werden Unternehmensberatungen immer dann eingesetzt, wenn es um besonders schmerzhafte Einschnitte, um das „Schlachten heiliger Kühe“ geht. Konsolidierung darf aber niemals durch die Hintertür geschehen. Wir Liberale fordern hier mehr Transparenz ein.

Wir Liberale werden uns in unserer politischen Arbeit im Kreistag auch in den kommenden Monaten maßgeblich mit Einsparmaßnahmen beschäftigen. Die Haushaltskonsolidierung bleibt für das gesamte Jahr die überwölbende Aufgabe und wir hoffen, dass wir in einer Zeit ohne Wahlkämpfe nicht nur mit unserem Koalitionspartner, sondern auch mit anderen Fraktionen eng zusammenarbeiten werden und den Haushalt im kommenden Dezember mit größerem Konsens als heute verabschieden werden.

Die Kreisumlage muss dabei nach liberaler Auffassung immer so hoch wie nötig, aber so niedrig wie möglich sein. Das ist uns in diesem Jahr gelungen. Wir halten das Prinzip der Subsidiarität hoch. Liberale sind in erster Linie Stadtpolitiker, denn die Städte und Gemeinden sind das eigentliche Herzstück unserer Demokratie und unserer Zivilgesellschaft.

Subsidiarität bedeutet für uns Liberale aber auch, dass Eigenverantwortung weiterhin großgeschrieben muss, staatliche Aufgaben beschränkt werden müssen und  die Chancen der Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft genutzt werden müssen. Deswegen ist es weiterhin richtig gewesen, dass dieser Kreistag das PPP-Projekt „Rettungszentrum“ im Kreis Soest auf den Weg gebracht hat.

Abschließend: Wir Liberale denken, dass heute in fairer, verantwortungsvoller Haushalt vorliegt. Für die Zukunft setzen wir auf vertiefte Kooperation mit den Städten und Gemeinden. Der Dialog muss weitergeführt werden. Interkommunale Zusammenarbeit muss intensiviert werden.  Wir werden diesem Haushalt heute zustimmen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.